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Marwans Blog

Gospel-Konzert mit Kathy Kelly

kellyLiebe Gospelfreunde aus Eberswalde und der gesamten Umgebung.  Am 05.05.2012 findet um 19:00 Uhr unser Konzert zusammen mit Kathy Kelly statt. Wir freuen uns darauf, dass ihr Manager mit uns Kontakt aufgenommen hat und dass nun dieses Konzert möglich ist.  Kathy Kelly ist eine begnadete Sängerin, die die meisten von uns noch aus der Kelly Family kennen.

Wir haben nur eine begrenzte Zahl Konzertkarten, da unsere Maria-Magdalenen Kirche nicht unbegrenzt Gäste aufnehmen kann und die Nachfrage ist groß.  Ich bitte daher rechtzeitig die Karte, bzw. Karten zu bestellen.

Die Karten verkaufen wir im Auftrag des Managements von Kathy Kelly:

Music Contact System
Am Herdchen 9
51503 Rösrath-Hoffnungsthal

Ihr könnt die Karten bei uns im Gospelshop HIER >>> bestellen.

Aktualisiert (Mittwoch, den 08. Februar 2012 um 15:52 Uhr)

 

23-24 Januar in Kairo

Meine Tage sind voll bepackt mit Besuchen. Ich will jeden meiner alten Freunde in 4 Tage treffen, was natürlich unmöglich ist. Aber was soll's ich versuche es eben.  Ich merke wie ich mich dieses Mal in Kairo besser zurecht finde. Zwar fahren die Menschen weiterhin wie die Irren und sprechen ein seltsames Arabisch was mit Anglizismen durchtränkter ist als jeder angeberischer Manager in Deutschland, doch irgendwie komme ich langsam damit klar. Mein Fokus gilt morgen den 25 Januar. Alles was ich nebenbei mache ist relativ, bis morgen kommt.

Gestern war ich mit Moshira ihre Freunde besuchen. Ich durfte staunen wieviel sie über mich und meine kleine Familie in Eberswalde wissen und scheinbar sind alle Fans von Tabeas Youtube Videos.  Den ersten Freund von Moshira "Ahmad" trafen wir in einem Kaffee in der Straße 9.  Es ist schon etwas eigenartig zuzuhören wie meine Schwester und dieser Ahmed darüber reden, dass sie unbedingt eine Benzinsäge kaufen wollen, um die umgefallenen Bäume in Kairo kleinzuschneiden für Brennholz 900 km weiter in der Wüste auf dem Sinai.  Ich kann mir einfach nicht meine strohblonde Schwester mit einer Kettensäge in Kairo mitten im Rummel und Chaos vorstellen, wie sie da irgend welche Äste zerkleinert.

Zu meinem Trotz meinte dann ihre andere Freundin welche wir Abends besuchten, immerhin eine Mitarbeiterin in der UNO, dass dies eine ganz tolle Idee sei, da sie auch ständig riesige Äste durch die Straße schleppt.

Der Vormittag gestern war mein Albtraum. Moshira die nur friert meinte mütterlich ich müsste mich ganz warm anziehen. Ich hatte also eine lange Unterhose und Jeans, Unterhemd, Shirt, Pulli, Fließjacke und eine Jeansjacke an.  Dazu noch den schweren Rucksack mit Schokolade bepackt für meine Besuche in der Gegend.  keine 300 Meter war ich schon fix und fertig. Ich setzte mich vor eine Moschee und begann die Lagen abzulegen und diese irgenwie in meinen Rucksack zu stopfen.  Kairo hat gerade 18 Grad!  Und wie ich da sitze kommen Menschen auf mich zu und wollen gleich was kaufen, weil vor mir ein Karton mit Büchern und irgendwelchen Kram lag und der Händler nicht da war.  Ich war geschmeichelt, dass man mich endlich nicht als Europäer erkennen wollte und mich sogar Arabisch fragte was das kosten soll, wobei ich sonst immer nur "Hallo Mister" zu hören bekomme.

Irgendwann schaffte ich es in die Slums, wo ich mich in ein Kaffee setzte und begeistert den Männern zuschaute. Sie saßen alle da vorm Fernseher und sahen die Wahl des Parlamentspräsidenten. Es ging im Parlament laut, bunt und lustig vor, wie es Ägypten noch nie zuvor gesehen hat. Und wo früher die Menschen saßen und vor Fußball jubelten, fingen sie an im Kaffee zu jubeln und zu klatschen, wenn ein Abgeordneter etwas äußerte. Ägypten hat eine neue Seele bekommen, die zuvor tausende von Jahren geschlafen hat.  Einfach schön so etwas zu sehen.

Heute dagegen habe ich meinen Nachbarn von früher besucht, der nun mit Bart islamisiert ist und obwohl er noch sehr freundlich und lustig ist, das Händeschütteln von Frauen meidet.  Seine Frau die mich liebevoll mit Essen und Getränken versorgt, darf ich allerdings auch nicht die Hand geben. Davor war ich kurz bei Sherin und ihre Mama. Eine alte Freundin aus der Schule die mich über Facebook gefunden hatte. Sherin war ein fester Bestandteil unserer Klicke, bevor sie nach Spanien reiste. Ich erinnere mich an die wunderbaren Toastbrote die ihre halbdeutsche Mutter machte.  Sherin war immer verrückt und eine Energiebombe. Nun öffnete sie die Tür und ich war erst mal baff!  Sie trug ein Kopftuch und ich wußte nicht was tun. Darf ich sie nach 25 Jahren umarmen oder gibt sie auch nicht die Hand. Glücklicherweise übernahm sie die Umarmung und zog mich rein, wo ihre 72 Jahre alte Mama saß und mich so fest umarmte als wären die Jahre nie vergangen.

Doch leider konnte ich auch dort nur kurz bleiben, da ich meine alte Kollegin aus der Helwan Uni treffen wollte. Mey ist nun Professorin für Ägyptologie und wir haben da ein kleines Projekt laufen, wo ich eine Schrift von Ihr ins Deutsche übersetzen und publizieren werde. Wie letztes Jahr im Oktober hat sie erst mal mich mit Fragen über Corinne, Noah, Mariam und Tabea durchbohrt, Fotos angeschaut und drei kleine Geschenke für die Kinder rausgeholt.

Nun sitze ich hier und mache mir Gedanken, wie es morgen aussehen wird.  Morgen wird meine alte Gruppe Freunde zum Tahrir fahren mit mir.  Leider hat die Schwester von Ramy einen Unfall in den Staaten, so dass er dorthin fahren musste. Medhat ist in Saudi Arabien und so verbleiben nur noch drei Freundinnen die mich begleiten.  Ich komme mir vor wie Gaddafi mit seinen weiblichen Bodyguards!

Morgen wird ein friedlicher Tag, da bin ich mir ganz sicher, oder vielleicht wünsche ich es nur.  Im Tahrir laufen schon die Vorbereitungen heute den ganzen Tag.  Ich denke, dass die öffentliche Ausstrahlung des ersten demokratisch gewählten Parlaments in Ägypten seit über 5000 Jahren die Wut vieler erst einmal gedämmt hat. Jeder konnte sehen, dass im Lande sich was tut, was zuvor nie vorstellbar wäre. Auch wenn der Parlamentspräsident aus der Muslimbruderschaftspartei kommt, so ist dieser demokratisch gewählt worden und hat auf die Verfassung geschworen die nicht religiös ist. Und letztendlich herrscht in Deutschland auch eine Frau von der Partei mit dem C, warum also nicht in Ägypten ein Parlamentspräsident aus einer Partei mit einem I? Die Zeit wird zeigen ob sie dem Volk entgegenkommen oder nicht, denn dieses kann die 46% Sitze die sie bekommen haben in wenigen Jahren wieder abwählen.

Ich glaube ich bin nun endgültig zum Smarphonismus konvertiert.  Letzten Oktober als ich hier war, hat Corinne jeden Morgen meinen Blog gelesen. Als ich einen Tag nicht geschrieben habe, kam der Tadel am nächsten morgen.  Dieses Mal ist es nicht so, denn wir schreiben uns ständig über Viber und so habe ich auch weniger das Bedürfnis das Erlebte zu schreiben, da ich ständig es Corinne simse, oder in Facebook hochlade. Und doch finde ich es schön in unserer Website diese "wenigen" Worte zu schreiben.

Morgen werde ich solange ich im Tahrir bin, Bilder in Facebook hochladen, falls ihr interessiert seid.

Marwan
 

22. Januar in Kairo

Nun sitze ich hier vor einer elektrischen Heizung die in etwa wie ein Gesichtsbräuner aussieht und nach rechts und links schwankt wie ein Ventilator.

Gestern bin ich in Kairo angekommen. Die Reise war nicht besonders einfach. Corinne hatte den besten Anschluss von Eberswalde zum Flughafen über das Internet ermittelt. Und auf dem Weg nach Südkreuz versicherte ich mich beim Schaffner, ob das auch richtig sei. Er grübelte herum und meinte, dass es viel besser sei über den Hauptbahnhof den Shuttle-Zug zum Flughafen zu nehmen, der fährt alle 20 Minuten. Da der Schaffner mir ziemlich zugedröhnt vorkam, versicherte ich mich per SMS bei Corinne. Sie sagte, dass im Internet davon nichts stünde, also sagte ich dem Schaffner, dass meine Frau da anderer Meinung sei.  Der Schaffner sagte, dass wir im Hauptbahnhof anhalten werden und genug Zeit haben, dass er mir seine Route an der Gelben Tafel beweisen kann.  Als Witz sagte ich, dass er haften wird, falls ich meinen Flug verpasse.

Kaum waren wir im Hauptbahnhof zeigte er mir an der Tafel, dass der Zug um 11.45 Uhr von Gleis 12 direkt nach Schönefeld fährt.  Ich entschuldigte mich dafür, dass ich an sein Können zweifelte und bedankte mich.  Auf zu Gleis 12!

11:45 dann 11:50  Uhr, aber keine Spur von einem Shuttle. Auf der Tafel war auch kein Hinweis, dass der Zug behindert sei. Eine Frau stand da auch ganz unruhig mit dem Koffer. Wir waren da auch ganz alleine am Gleis, was für einen Shuttle-Service zum Flughafen ungewöhnlich ist. Da kam aber der Zug auf dem anderen Gleis, Gleis 14 und darauf stand Flughafen Schönefeld.

Wir rasten dahin mit den schweren Koffern und saßen im Zug.  Doch mich irritierte, dass an der Tafel etwas anderes stand. Ich schlug der gnädigen Frau vor, dass wir uns vor den Zug stellen und jemand fragen, bevor wir noch in Nürnberg unseren Flug suchen.

Also ließ die Frau den Koffer bei mir stehen und frage 10 Meter weiter zwei Personen im Deutsche-Bahn-Look.  Sie kam zurück und sagte, dass der Service dieses Wochenende wegen Bauarbeiten unterbrochen sei.

Toll!

Taxi? Ja!

Also nahmen wir gemeinsam eine Taxi 40 Euro plus Trinkgeld und ich kam noch rechtzeitig zum Flughafen. Ob ich nun diesen Schaffner wieder finde?

Im Flughafen stand eine Celebrity.  Abdul-Samad.  Ich hatte im Interview gehört, dass er ein Fremdenführer in Ägypten gewesen ist. Das war ich ja auch viele Jahre, doch kannte ich ihn nicht von dort.  Abdul-Samad ist ein freier Denker. Er vertritt die Meinung, dass der Islam nicht für die Moderne Lebensfähig ist.  Früher gab es islamische Großkulturen, weil der Islam damals funktional war, heute aber nicht.  Ich bin mit ihm nicht einer Meinung. Er erinnerte mich an einen Sobek, den ich an der Humboldt Uni kennenlernte.  Dieser Sobek hieß ursprünglich Sobki, wurde aber von den Studenten Sobek (Krokodilgott) genannt. Als ich 96 dort zwei Semester studierte sagte jeder mir: "Du musst unbedingt Sobek kennenlernen". Als ich ihn dann traf sprach er ein absolut gebrochenes Arabisch, motto: "Du kommen auch Kairo, oh toll, ich kommen auch dort".  Doch war sein gebrochenes Arabisch so perfekt, dass es künstlich war. Ich fragte ihn, wie lange er denn schon in Deutschland lebe. Dieser sagte "drei Jahren".  Ich konnte nur erwidern: "Kommst du aus Schubra (ein Viertel in Kairo mit vielen sozial Benachteiligten)". Er sagte: "Ja, du mich kennen". Ich sagte nein, aber ich kenne die Eigenschaft, dass Personen der unteren Schicht sich dadurch wichtiger machen indem sie so tun, als wären sie halbe Europäer.  Es gibt ein Genre von Ägyptern, die meinen, wenn sie ihre eigene Kultur leugnen, dass sie damit mehr Wert sind. In Ägypten spricht man von dem Fremdenkomplex. Anders als in Deutschland, haben Ausländer es in Ägypten immer besser gehabt. Sie wurden doppelt bezahlt als die Ägypter und stets als gebildete Personen geachtet.  Ich habe erlebt, dass niederländische Friseure ägyptische Ärzte herumkommandieren und diese es auch so hinnehmen, nur weil es Europäer sind. Als ich an der Uni arbeitete wurde ich doppelt soviel bezahlt wie ein Professor, nur weil ich Deutscher bin. Als wäre dies ein Garant für das Können.

Sobek war von der Wirtschaftsmacht und überlegenen Kultur Europas so überwältigt, dass er sich "europäisch" machen wollte indem er seine Zunge nun drehte und gebrochenes Arabisch sprach und dass in nur drei Jahren!  Ich habe Arabisch nicht als Kind gelernt, sondern erst Deutsch und Englisch und kann nach 12 Jahre Deutschland nach wie vor Arabisch noch besser als viele Ägypter sprechen!

Und was hat das mit Abdul-Samad zu tun?  Nun er hat seine Zunge nicht gebrochen. Er macht auch nicht einen auf  "ich bin Europäisch". Aber ich glaube ihn haben die sauberen Straßen, die Natur, der Fleiß etc der Europäer überwältigt. Und anstelle die Schwäche in der Armut zu suchen, meint er es sei der Islam und die islamische Kultur. Dies ist fürchterlich kurzsichtig aus mehreren Gründen. Man brauch nur nach Malaysia zu schauen mit einen der besten asiatischen Ökonomien oder die Vereinigten Arabischen Emirate oder Katar ein führendes Land in der Meinungsfreiheit heute in der Welt.  Die ganze Golfregion ist stark im Kommen und dies inklusiv einen Islam. Es gibt ja auch nicht die Islamische Welt, von der Abdul-Samad schreibt, eben so wenig wie es eine christliche Welt gibt.  Nun mag man denken: "Aber natürlich gibt es eine christliche Welt", aber das ist Unsinn.  Der Christ in Eberswalde hat ein völlig anderes christliches Weltbild als der peruanische oder Ugandische Christ.  In Bolivien wird in der christlichen Welt gesteinigt! In Nordirland ist der 30-Jährige Krieg noch lebendig!

"Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose" von Abdul-Samad ist der Untergang einer Phase in einer geografischen Grenze und kulturellen Fessel aus seinen Erfahrungen.

Die islamischen Kulturen waren wie alle andere mal oben und mal unten.  Die Momentaufnahme Ägypten-Deutschland und kurzsichtiger als Kurzsichtig.

Interessant ist, dass Abdul-Samad seit seinem wie ein Kant des Islams gefeiert wird.  Das ist verständlich in einem Land wo 70% den Sarrazin feiern.  Da kommt einer aus den islamischen Kreisen und sagt, dass dort alles schief läuft und dass hier alles besser ist.

Das ist ähnlich wie die gefeierten Juden in der Arabischen Welt, die die Juden selbst kritisieren!

Abdul-Samad sagte mir dann, dass er gar kein Fremdenführer war, er arbeitete im Flughafen und hat mal hin und wieder den Reiseleiter gemacht und das zusammen gerade mal zwei Jahre.  Ich war froh ihn kennen zu lernen, denn ich schätze den Menschen sehr. Nicht wegen seiner Thesen, sondern wegen seines Muts seine Meinung die von unseren fanatischen Idioten gewiss nicht toleriert wird. Abdul-Samad habe ich als Person im Flughafen als ruhige und in gewisser Weise als sanftmütige Person kennengelernt.  Ich wünsche ihm weiterhin viel Mut und Kraft seine Meinung laut zu sagen, auch wenn ich diese kaum teilen kann. Ich wünsche mir mehr solche Menschen in der islamischen Welt!

Kurz vorm Einchecken sah ich durch die Korridore im Terminal jemand mir zuwinken.  Mein Schwager Georg!  Was für eine Überraschung. Er kam mit dem Flieger in den ich einsteigen soll, um meine Schwester zu besuchen!

Fast eine Stunde vor geplante Landung hieß es, dass wir gleich ankommen, weil wir Rückenwind hatten. Im Flughafen sprach mit jeder an: "Taxi Sir".  Ob ich nun zum völligen Europäer mutiert bin, wobei ich diesmal meinen Bart und meine Haare haben wachsen lassen und ziemlich ungepflegt aussehe!

Im Flughafen traf ich meine langjährige Freundin Mai. Doch keiner fragte sie: "Taxi Madame". Auf den Weg aus dem Flughafen, musste sie ihre Pass vorzeigen, ich wurde durchgewinkt. Mai sagt, weil du der Europäer bist! Und vor dem Flughafen kam wider eine Schar auf mich zu: "Taxi, Limousine".  Und endlich kam einer auf Mai zu, nachdem mich schon über 20 gefragt hatten.  "Ja! Hurra!  Endlich bist du nun die Europäerin!"
Mai drehte sich um und sagte: "Das ist der Fahrer meines Bruders du Idiot, der kennt mich."

Zuhause bei meiner Schwester gab es ein kleines Essen. Brotmischungen, Vollkornbrote und Schokolade auspacken und das wars schon.

Moshira hat mir das Bett vorbereitet. In Ägypten mit 6 Bettdecken!  Ich musste an Corinne denken, wo wir bei Minusgraden mit einer Decke und oft mit offenen Fenster schlafen.  Hier in Kairo bei 14 Grad mit 6 Decken?!  Es wäre hier kalt meint Moshira!

Gute Nacht.

SMS von Corinne. Noah ist krank, ihm ist die ganze Nacht übel.  Ich fühle mich etwas schuldig und hilflos. Wie kann ich meinen Jungen und meiner Frau helfen, wenn ich hier in Kairo unter den sechs Decken liege! Ich lese bis 02:30 (01:30 deutsche Zeit) in meinem Java Programmierungsbuch und schlafe dann doch irgendwann ein.
 

Mein lieber Gospelchor

Heute war es ganz schön mit euch zu singen.  Ich wollte mich von jedem von euch einzeln verabschieden, doch dann habe ich es nicht getan.  Am 22 Januar fliege ich mit gemischten Gefühlen nach Ägypten um am 25 Januar am ersten Jahrestag der ägyptischen Revolution dabei zu sein. Bei der Revolution selbst konnte ich nicht dabei sein. Ich bin zwar im Oktober nach Kairo geflogen und habe dort einen Kulturschock erlebt. Doch ich konnte nicht da sein, als ich es hätte sein müssen.

Doch es ist so, dies ist das Land wo ich aufgewachsen bin. Es ist das Land, wo ich zuerst studiert und gearbeitet habe. Aufgrund meiner ersten Arbeit, war das Land auch mein gesamter Lebensinhalt.  Ich war froh nach Deutschland zu kommen, doch spätestens seitdem Sarrazin letztes Jahr von fast jedem im Lande gelobt worden ist wurde mir klar, dass die Heimat meiner Wahl mich bzw. uns nicht "mehrheitlich" gewählt hat. 

Der Gospelchor mit all seinen schönen und weniger schönen Seiten ist mir eine zweite Familie geworden. Ich liebe jede Person in diesem Chor, auch wenn ich es nicht immer so zeige.  Der Chor ist mir eine Entschädigung für Sarrazin und andere Idioten. Der Chor ist eine Entschädigung für die Hetzerbriefe die wir bekommen haben oder die physischen Angriffe auf meine Person, nur weil ich Hassan heiße. Mit euch zu singen, bedeutet, dass es noch gute Menschen gibt, dass unsere kleine Welt noch irgendwo in Ordnung ist.


Nun fliege ich also nach Ägypten, um einen Teil meiner Geschichte, meiner Selbst wieder zu finden und um an der Revolution, leider nachträglich, etwas teilzuhaben, auch wenn's diesmal nur 5 Tage sind.


#######


Als die Mauer in Deutschland fiel, sagte mir mein Großvater, das ist Weltgeschichte.  Ich lächelte damals und dachte mir, wie egozentrisch kann man denn denken.  Eine Mauer die keine 30 Jahre stand in einem Land, welches im Vergleich zu Ägypten, Indien oder China in der Geschichte nicht mehr als ein Hauch im Atem Menschheit ist. Eine Mauer die eine Generation gebaut wird und von der nächsten niedergerissen, dass ist doch ganz normal!
Die Mauer die in Ägypten gefallen ist, ist eine Mauer die niemand auf dieser Erde hätte jemals sich als heruntergerissen vorstellen können. Ägypter sind seit historisch belegten 5000 Jahren (und vermutlich schon davor, noch bevor sie schreiben konnten) stets untergeordnet gewesen.  Es waren stets die Herrscher versus das gute Volk, welches stets Amen sagt und nie nach seinen Rechten fragte. Es ging soweit, dass die Griechischen Pharaonen (die Ptolemäer) Ägypten mit "mein Hinterhof" bezeichneten. Jeder kam ins Land und füllte seine eigenen Taschen und unterdrückte das Volk. Griechen, Römer, Marrokaner, Araber, Türken, Engländer, Franzosen, ja selbst die Sklaven machten sich zu Könige und beuteten das Land in Reich der Mameluken aus.  Und der ägyptische Bauer war stets zufrieden.
Bei Mubarak war das nicht anders. Der Diktator war so fürchterlich, dass selbst seine Familie (außer seine Kinder) vom Land geflohen sind.  Und doch hat das Volk, sowie dieser Mann mit seinem frevlerischen Lächeln vom gepanzerten Auto winkte, sich niedergeworfen und gejubelt: "Mit unserem Blut und unserer Seele opfern wir uns für dich oh Mubarak".  Es war nicht die Liebe zu Mubarak, sondern die Tradition, dass der Herrscher ein halber Gott ist.  Zum Teil ist auch diese Tradition daran schuld, dass die Herrscher durchdrehen und sich als unverfehlbar halten.
Nach also 5000 Jahren ist diese Mauer niedergerissen. Ein Volk was stets Amen sagte und sich mit den Krümeln zufriedengab sagte endlich: "Nein, genug!".
Die Bedeutung dessen kann man in Worte nicht zusammenfassen.  Was ist da schon eine Mauer die keine drei Dekaden überlebt hat und die man niederreißen konnte im Vergleich zu eine Mauer in der Kultur, in dem Verstand und Selbstverständnis eines Volkes welche sich seit 3100 vor Christus als Ägypter bezeichnen.
Wenn wir heute auf die Uhr schauen, sprechen wir von 24 Stunden, es waren die 12 Stunden des Tages und die 12 Stunden der Nacht, des ägyptischen Sonnengotte Re.  Wenn wir Amen sagen, sagen wir eigentlich "imen", dass bedeutet "nicht sehen", und so wurde auch der unsichtbare Gott "Amun" genannt. Mit Amen sagen wir, dass wir gehorchen ohne zu sehen.  Wenn wir von 365 Tagen sprechen, so ist es die Zeitrechnung der alten Ägypter. Wenn wir ein A, ein N oder ein M schreiben, so sind diese nachweislich Umschreibungen ägyptischer Buchstaben, selbst das griechische "Alpha" ist nachweislich ein Zeichen, welches in altägyptisch "Kuh" bedeutet und als solches geschrieben worden ist. Als die Syrianer ägyptische Zeichen übernahmen, nahmen sie dieses Zeichen auch, doch Kuh heißt in Syrianisch "Alpha".  Wenn wir uns als Griechen auf die großen Griechischen Philosophen berufen, so haben diese in Alexandrien studiert und als ihre Schriften von der Kirche verbannt worden ist waren es allerdings Araber, darunter viele Ägypter, die ihre Schriften in Andalusien retteten und für die Welt und heute für die Europäer überhaupt zugänglich machten.  Es waren die alten Ägypter die die erste Weihnachtsgeschichte der Welt auf den Wänden des Hatchepsut Tempel wo der Gott Amun letztendlich in einer Himmelsfahrt der Hatchepsut in seinem Kind Gefallen findet. Und der Psalm 104 wurde von dem König Ekhnaten ein paar Hundert Jahre früher bereits für den Gott Aton geschrieben. Der Psalm ist mit seinem Gedicht fast deckungsgleich. Als erstes wurde ein ägyptischer Tempel als Basilika genannt, denn er war (Palast, Hof und Markt). Die Dreischiffigkeit der Bauten ist ein ägyptischer Standard seit 1800 vor Christus.  Die Dreifaltigkeit fand als erstes ihre Ausdrucksform in der altägyptischen Mythologie. Alle Götter waren in Vater-Mutter-Sohn Konstellationen und da war der interessante Spruch aus der Rammessidenseit im 13 Jh. v. Chr.: "Gott ist einer, Ra wenn er im Himmel scheint, Amun wenn er verborgen ist und Ptah wenn er einen Leib annimmt."  Dieser Ptah entspricht dem Jesus in der christlichen Theologie. Die ägyptische Mythologie ist mit der christlichen Theologie so stark ähnlich, dass die Jungfrau Maria mit Sohn stets mit Isis und Sohn verwechselt wurden. Horus wurde zu Jesus, Mal Hathor mal Isis zur Jungfrau Maria.


Was ich sagen will, die Welt ist ägyptischer als manch einer denken mag!  Die Revolution in Ägypten ist daher zweifelsohne höchste Weltgeschichte und sollte, insbesondere den Westen, der 32 Jahre lang diesen Diktator mit Geld und Gefälligkeiten unterstützte interessieren!


Das ist unheimlich, mächtig und gewaltig.  Und mächtige Ereignisse bringen mit sich mächtige Umwälzungen.  Ich weiß nicht was am 25 Januar geschehen wird.  Ob es friedlich sein wird, ob die Menschen aus Freude singen oder ihre Toten beklagen werden. Ich weiß aber, dass ich dabei sein werde, dass ich einen Teil dieser Geschichte in mir herumtrage, dass ich 8 Jahre lang Tag ein und Tag aus diese Kultur auf Nilkreuzfahrten erklärt habe, dass ich einige Jahre nach meiner Ankunft in Deutschland stets davon geträumt habe, meine Touristen in der Säulenhalle des Karnaktempels zu suchen.

Ich will aber auch zurück. Zurück zu meiner Corinne, Mariam, Noah und Tabea, zurück zu meinen Chor in dem ich mich zuhause fühle.

Bis bald

Marwan

 

Glauben 2.0

Frohe Weihnachten mit Ausrufezeichen!

Während wir Würstchen mit Kartoffelsalat oder eine gebackene Ente speisen, Familie besuchen, uns über Geschenke freuen und den Christbaum bewundern wurden in Nigeria 3 Kirchen in einer Reihe von 5 Anschlägen durch Extremisten verübt. Eine Terrorgruppe welche sich Boko Haram nennt hat mittlerweile in den letzten Jahren fast 500 Personen auf ihrem Gewissen.

Weltweites Entsetzen, zurecht, über diese Anschläge und nicht nur in der christlichen Welt.

Ich frage mich, wohin das alles führt. Wären wir nur wie die dummen Schafe von "Au Schwarte" im KIKA, da würden wir vielleicht irgendwann vom Wolf gerissen, doch den Rest des Lebens würden wir auf den Wiesen grasen und "mää" rufen, während Ringel, Entje und Hörnchen ihre Abendteuer erleben.

Ich habe die Nase voll, wo man auch schaut, wo man auch hingeht, das "Böse" ist stets da.  Es verfolgt uns in jedem Schritt. Eine ganze Weile war es verpönt vom "Bösen" zu reden.  Das hat so was "mittelalterliches" und "aberglaubisches" in sich. Doch wie will man erklären, dass Menschen zu Weihnachten losgehen und Kirchen bombardieren?  Wie will man erklären, dass ein Terrorist aus dem israelischen Militär am 25. Februar 1994 sein Sturmgewehr nimmt und an der Grabstätte der Väter aller Juden und Muslime mit vier Magazinen auf die betende Muslime zum Ramadangebet richtet und diese abschlachtet. "Baruch Goldstein" der Terrorist wurde dann auch noch für seine Tat, welche damals in der ganzen Welt ähnlich wie heute mit den Kirchen in Nigeria verurteilt worden ist von den radikalen Juden in Israel als Heiliger gesprochen.

Ich frage mich wohin das führt, was wird aus uns?  Hat der Mensch es verdient diese Erde zu erben? Im Koran steht, dass Allah seinen Engeln sagte, er plane in der Erde einen Khalifen zu schaffen. Die Engel sagten: "Schaffst du in der Erde wer sie verdirbt und Blut vergießen lässt?" (zweite Sure erster Teil)

Das ist die islamische Umschreibung, dass wir nach Gottes Bild geschaffen wurden. Wir können uns nämlich frei entscheiden. Wir können uns entscheiden Frieden zu verbreiten oder Gewalt und Unrecht auszuüben.

Soeben habe ich in den Nachrichten gehört, dass der nigerianische Präsident "ein Christ, und deshalb mit militärischen Aktionen zurückhaltend" die Sicherheit im Land erhöhen wird. Ob diese polarisierung so gerechtfertigt ist? Ob der kausale Zusammenhang so stehen bleiben darf?

Immerhin behauptete Bush, dass er mit Gott spricht und dass der Feldzug ein Auftrag von Gott ist. Der Irak-Krieg darf somit durchaus als christlicher Krieg beachtet werden.  In dem Krieg sind 4500 amerikanische Soldaten für das Gottesgespräch von Busch gefallen. Eine nicht unerhebliche Opferzahl, aber Soldaten sind von Beruf aus da um im Krieg zu töten und zu sterben, sonst wären sie keine Soldaten sondern Entwickliungshelfer. Aber siehe da, für jeden gefallenen Soldaten mit bester Ausrüstung, mit Infrarotbrille, Helm, Gewehr, Stiefel, GSM-Lokalisierung und höchstmögliche Logistik sind über 20 Zivilisten durch diesen Bush der mit Gott spricht gefallen.  100.000 Tote Zivilisten für ein Gespräch Bushes mit Gott.

Hoffen wir, dass nicht jeder Präsident mit Gott spricht!

Neulich ist wieder ein Insekt an meiner Scheibe beim Fahren kleben geblieben. Ein Leben! Zack und da ist es hin! Der Rest des Lebens klebt an meiner Scheibe und wird vom Scheibenwischer Stück für Stück abgekratzt. Ich sehe zu, wie das Insekt zuerst verschmiert ist, bis nur noch ein Punkt übrig ist. Ob dies ein Teil des Kopfes, des Flügels oder des Beines ist, kann ich nicht sagen.  Ich frage mich, was mich von diesem Insekt unterscheidet?  In der AFAR Wüste in Äthipien hat man einen Frühmenschen entdeckt, ein Vorfahre unserer Sorte der 4,4 Millionen Jahre alt ist!  Es sind schon so viele Menschen geboren und gestorben, dass es vermutlich keine Handvoll Erde gibt, die nicht einen Reststaub von Menschen hat. Der Tannenbaum vor mir ist im Topf, wieviel der Erde darin war Mensch.

Wir sind nichts! Selbst das Nichts ist mehr als ein Mensch! Und doch maßt sich der Mensch an über Leben und Tod zu urteilen! Wir verbringen Stunden und Tage damit unseren Standpunkt zu verteidigen, uns zu bereichern und uns für die Zukunft vorzubereiten, dies wobei die einzige gewisse Zukunft eines jeden Menschen ist, dass er wie das Insekt an meiner Windschutzscheibe enden wird. 

Es ist nichts mittelalterliches oder abergläuberisches daran zu sagen, dass nur unsere Taten zählen. Nur unser Zueinander und Miteinander. Mögen die einen es christliche Werte nennen andere frommen Islam oder sonst was, mir ist alles gleich solange es den selben Inhalt hat.

Als Aygül Özkan, am 26. April 2010 zur ersten muslimischen Ministerin in Deutschland vereidigt worden ist, sage sie: "So wahr mir Gott helfe".
Man kann es schwer glauben, aber mit dieser Aussage haben sich christliche Theologen beschäftigt, nicht dem Satz selbst, sondern dass eine Muslima ihn gesagt hat. Johannes Neukirch der Sprecher der Hannoverschen Landeskirche meinte laut:
Wir Christen sehen schon einen deutlichen Unterschied zwischen unserem Gott und Allah.  Wenns so wäre, dann ist der einzige Unterschied, dass Muslime diesen Unterschied nicht sehen.  Und was bringt diese Diskussion überhaupt?  Gerade dieser Unsinn artet darin aus, dass die Menschen sich besser als andere Menschen denken.  "Unser Elloh und Euer Allah", was für ein Quatsch.  Es sollte heißen: "Unsere Taten und unser Miteinander". Soll Gott selbst urteilen und nicht der Mensch!  Ich versuche mir vorzustellen, dass zwei Insekten an meiner Windschutzscheibe kleben. Sie sind fast tot, nur noch ein paar Sekunden bevor der Scheibenwischer sie verschmiert und alles was sie machen ist zu diskutieren, wer der beiden Insekten mehr Recht hat. (Reinhold Bernhardt; "Konvergenzen und Divergenzen im Gottesverständnis der abrahamitischen ReligionenGlauben Juden, Christen und Muslime an den gleichen Gott?" in Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5 / 2011)

Hätten wir nicht schon genug Religionen hätte ich Lust eine neue auszurufen. Ich würde sie Glauben 2.0 nennen. Es geht bei Glauben 2.0 nicht darum statische Inhalte ewig zu propagieren sondern vielmehr dem Endnutzer einen Mehrwert zu geben.  Wer sich in Glauben 2.0 anmeldet wird gleichzeitig in einem Netzwerk freundlicher hilfsbereiter Menschen angemeldet. Sie eilen zu guten Taten und eifern in der gegenseitigen Hilfe. Glauben 2.0 ist weder islamisch, jüdisch, christlich, brahmisch, sikh oder buddhistisch. Er ist was der Endnutzer ihn haben wollen, solange die Mitgliedschaft zu einen Mehrnutzen für andere Menschen führt.


Und Salam,

Marwan

Aktualisiert (Dienstag, den 27. Dezember 2011 um 08:42 Uhr)

 
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