Mein vierter Tag in Kairo
Dienstag den 11.03.2011
Ein entscheidender Tag, heute sollte ich meine Kindheit und Jugend konfrontieren. Doch zuerst ein Besuch an Om-Monsef. Om-Monsef ist die Frau, die uns und später meinen Vater treu diente, bekochte, Wäsche wusch und einfach da war. Om-Monsef hat mehr Kinder als jede andere Frau die ich jemals gekannt habe. Sie hat weniger Geld als jede Frau die ich jemals gekannt habe und sie hat die größte Geduld die ich jemals gesehen habe. Nur einmal habe ich sie klagen sehen und dann war es auch nicht für sie, sondern für ihre Tochter die Pech in der Ehe hatte.
Sie hat ihr Leben für andere gelebt und ist nun alt und schwach. Ihr Mann ist vor Monaten rausgegangen und nicht zurückgekehrt. In seinem Alter und mit seinen Krankheiten ist Om-Monsef davon überzeugt, dass er gestorben ist. Genügsam sagt sie, dass obwohl alle Kinder ihn seit Monaten suchen und weder tot noch lebendig finden, dass er wahrscheinlich tot umgefallen ist und dass jemand mit ihm Gnade hatte und ihn unbekannterweise begraben hat. Das ist diese Tage im chaotischen Ägypten auch gut möglich. Nun ist Om-Monsef verheiratet mit einem wahrscheinlich toten Menschen und bekommt nicht einmal eine Witwenrente.
Mit Fotos und Schokolade für die Enkelkinder und einer Zuwendung, welche meine Schwester stets regelt wollten wir sie besuchen. Sie wohnt nun bei ihrer Tochter.
Ich rief den netten Taxifahrer von gestern an. Wir wollten nach Embaba.
Es sollte eine anderthalbstündige Fahrt sein die für mich meine Trennung von Ägypten siegelt. Ich habe noch nie im Leben so viel Dreck gesehen. Haufen und Berge von Plastiktüten auf den Straßen und Bürgersteinen. Motorradfahrer in entgegengesetzter Richtung und Pferdekutschen mit einer größeren Last die ein Pickup tragen würde. Da ist das Pferd umgefallen und es wurde getreten und geschlagen, dass es aufsteht. Ich konnte es nicht mehr mit ansehen und stieg aus. Am liebsten hätte ich den Stock genommen und diesen Unmenschen damit auf der Straße gepeitscht, doch entschied ich mich die Schaulustigen zu rufen, um die Karre zu schieben, dass das arme Pferd nicht auch noch beim leidvollen aufstehen die Karre ziehen musste. Vier Männer kamen dazu während das Monster auf das Pferd schlug und es am Schwanz zog, dass es aufsteht.
Der Taxifahrer kam raus und holte mich zurück.
Als wir nach vielem hin und her die Straße fanden wo Om-Monsef wohnte, merkte ich, dass die Innenstraßen der Total-Armen etwas sauberer sind. Die Kinder fanden es witzig, dass meine blonde Schwester und ich mit Mütze und Rucksack dort auftauchten. Hallo Mister!
Om-Monsef war überaus glücklich. Ich hatte Schwierigkeiten ihr ins Gesicht zu schauen. Etwas Schuldgefühle und etwas Kummer, da sie mich an meine verstorbenen Eltern erinnert. Doch ihr Lächeln ist bezaubernd und sie strahlt eine Ruhe aus, als wäre alles da draußen nichts.
Sie freute sich über Bilder meiner Kinder und klagte, dass ich sie nicht mitgebracht habe. Im Grunde genommen war ich darüber glücklich, wie sollten die Kinder verstehen was dort los ist.
Es gibt da verschiedene Auffassungen. Sicher ist, dass nun jeder macht und tut was er will, da es faktisch keinen Staat gibt. Man fährt wie, wann wo und in die Richtung die man will. Gestern erzählte mir Ramy, dass er einen Unfall hatte, weil ein Tracktor in sein Auto fuhr und darauf der Fahrer sich auch noch aufregte, weil Ramy im Stau vor ihm stand.
Keine Worte, und keine Bilder können den Chaos und den Dreck beschreiben, den ich heute gesehen habe. Ich erinnere mich an meine Touristen die über den Chaos vor 12 Jahren klagten, was würden diese heute sagen?
Und auch wenn ich leise hoffe, dass es besser wird, kann ich nicht aufhören an die Sintflut von Noah zu denken und schäme mich dies zu denken, doch dieses Land braucht ein neues Volk dachte ich mir. Dann aber wenn ich das Lächeln von Om-Monsef sehe denke ich mir oder ein Wunder vom Himmel.
Nach Om-Monsef fuhr meine Schwester mit mir zum Haus wo ich fast meine ganze Kindheit und Jugend verbracht habe. Ich erkannte es selbst nicht. Als wir dort vor fast 40 Jahren einzogen war es ein Haus inmitten grüner Felder, nun ist es überfüllt mit schäbigen Hochhäusern und Autos die nicht nur in zwei Richtungen sausen, sondern manchmal diagonal oder quer inmitten der Straßen stehen. Und der Dreck ist überall, wobei hier wenigsten der Dreck nicht Berge gebildet hat.
Meine besorte Schwester fragte ob alles in Ordnung ist. Und da es so war fuhr sie zurück und da war ich also und suchte die Steine meines Erinnerungsgerüst aus meiner Kindheit.
Ich verbrachte den Abend mit einen Nachbarn und Freund von damals. Tamer war der verrückteste und witzigste Kumpel den ich in meiner Kindheit hatte. Heute ist er ein Künstler und Innenarchitekt mit einer wundervollen Frau und zwei herzigen Kindern. Er trägt einen Bart und ist zutiefst religiös und beklagt, dass die Straße und der Dreck da draußen unislamisch ist. Und obwohl seine unglaublich liebe Frau mich nur von einem Meter Abstand grüßt und mir die Hand nicht gibt, weil in ihrer Frömmigkeitsauffassung dies ein Tabu sei, strahlt sie Freundlichkeit und Liebe aus. Sie hat mich bekocht und mit allen möglichen Leckereien umwoben, so dass ich den Schock von draußen halbwegs wieder verkraftet habe.
Ich entschied mich eine Spatziergang in meinem Ort zu machen. Doch ich erkannte den Ort nicht mehr. So entschied ich mich eine Straße bis zum Ende zu gehen, weil dort am Ende eine Gärtnerei war, die ich immer mochte. Doch diese Gärtnerei gehört nun dem Staat und ist nur ein Garten. Überall waren junge Menschen auf der Straße. Es war so voll wie die Loveparade oder das Hussitenfest, doch war dies scheinbar nicht die Ausnahme, sondern der Alltag.
Ich setzte mich an ein Cafe welches zum Teil die Straße einverleibt hatte. Und während ich so saß und an meinem Anistee schlürfte kam eine alte Frau mit einem Karton unterm arm und grüßte mich. Dann rief sie dem beschäftigten Kellner zu, ein Tee mit Milch bitte. Er brachte ihr ein Plastikbecher mit Tee und Milch. Sie bedankte sich und lief davon.
Sie bekam den Tee umsonst, wie es so üblich ist, wenn arme insbesondere ältere arme Menschen bei solchen Cafes fragen. Erst jetzt erkannte ich, dass ich nicht ganz in der Fremde bin, dieses Verhalten, diese Menschen und diese Traditionen, sie sind noch dieselben geblieben. Diese will ich meinen Kindern, meiner Frau und der Welt zeigen.
Aktualisiert (Dienstag, den 11. Oktober 2011 um 23:21 Uhr)



