Home Marwan Mein siebenter Tag in Kairo

Mein siebenter Tag in Kairo

Freitag den 14.10

Es gibt schlappe und produktive Tage, Tage wo man träge vor sich vegetiert und andere wo man sehr viel, also SEHR viel leistet oder erledigt. Dann gibt es sehr selten diese Tage in denen man sehr viel seltsames erlebt.  Heute war so ein Tag!
Ursprünglich hatte ich 3 Ziele, es wurden aber 4.

1) Das koptische Viertel
Gegen 09:00 Uhr nahm ich eine Taxi zur Metro. Die Taxi fuhr in der prallende Hitze ca. 6 km für umgerechnet 1,50 Euro.  Dann nahm ich die Metro nach Mari Gergis, die Station im koptischen Viertel.  Ein Ticket kostet, egal wie viele Stationen in einer Richtung, lediglich ein ägyptisches Pfund, als ca. 13 Cent.
Ich hatte bereits die Metro ein oder zwei Tage zuvor genommen, als ich zur Uni fuhr, und hatte das Gefühl, dass ich mich bereits etwas auskenne.

Die Mari Girgis Station ist direkt vor dem Mari Girgis Kloster, welches ich noch besuchen werde, aber zuerst wollte ich ins koptische Museum, um von dort zur hängende Kirche zu kommen, eine Kirche welche auf den Trümmern der byzantinischen Festung gebaut wurde, welche durch die Muslime 641 gestürmt worden ist. Am Eingang stellte ich mich vor und sagte, dass ich ursprünglich ein Fremdenführer war. Ich durfte demzufolge ohne Eintrittskarte rein, musste aber Camcorder und Kamera am Eingang lassen. Ich bekam die Nummer 9 und hoffte die selben Dinger wieder zurück zu bekommen.

Ich ging direkt im Garten zum Tor, welches zur Kirche führt. Zu meiner Enttäuschung war dort eine hohe Mauer und der Zugang zur Kirche war nun versperrt.

Also lief ich zurück und nahm meine Sachen und ging von vorne zum Haupteingang der Kirche. 

Auftrag:
Ich will Kontakt für unseren Choraustausch knüpfen.

Am besten, dachte ich mir, kaufe ich eine CD und frage die Verkäuferin wo denn die Produzenten sind. Von einem alten koptischen Kollegen aus dem Musikstudio El-Arabi vor 20 Jahren, wo ich ihm mit dem Tarnnamen Markus geholfen hatte moderne koptische Musik zu arrangieren, wusste ich, dass die Kirche ihre eigenen CDs verkauft.  Hani, mein koptischer Freund, wollte seine Musik dort auch verkaufen.  Also grüßte ich die junge Mutter: "Salam Allaikum", sie antwortete freundlich dasselbe, ich kaufte moderne Musik, und fragte ob es denn eine CD vom Kirchenchor gäbe.  Und so kamen wir ins Gespräch.  Sie sagte, der Chorleiter würde oben sein, also in der Kirche, ich müsste zu ONKEL xxx.  Ich staunte, dass er ONKEL, also auch so wie ich es hier in Deutsch schreibe betitelt wird, aber ging hoch und fragte nach ONKEL xxx, seinen Namen habe ich leider vergessen.
Der ONKEL xxx war nicht da, doch alle freundlichen Leute in der Kirche sagten ich müsse mit einer besonderen Person sprechen, diese sagte dann, dass dies die Angelegenheit des Abuna (Vaters) sei. Abuna Antonius saß in seinem Büro aus Maschrabiyya Wänden, solche hölzerne Kugeln 4-5 cm die mit Stäbchen zusammengesteckt sind und mit ganz viel Intarsien versehen werden.  In der Halle vor dem Büro war ein großer Raum mit 10 großen Stühlen.  Ich sollte hier Platz nehmen und warten.  Als nur noch ein Mann und eine Frau (50-60 Jahre) vor mir warteten, lächelte mich die Frau an und fragte in Englisch woher ich käme. Ich sagte, dass ich eigentlich von hier käme, aber seit Jahren in der Diaspora lebe.  Sie fragte also weiter, was ich denn suche, da ich schon zwei CDs unseres Chores und zwei Flyer vor mir hatte.  Ich sagte, dass ich Abuna treffen will, weil es mir am Herzen liegt, die deutsche evangelische Kultur und die koptische Kultur näher zu bringen. Ich sei ein Gospelsänger und -musiker, ich zeigte dem Paar die CD, zeigte auf Hans-Peter unseren Pfarrer, dem Chorleiter und um mehr Glaubwürdigkeit zu bekommen - ich betrachtete es hier als notwendig- sagte ich, dass ich sein Vertreter im Chor sei und für die Pressearbeit zuständig sei.  Die Frau war hoch begeistert, der Mann war sehr freundlich, aber ich erkannte sofort, dass ich es mit einem Ultraorthodoxen zu tun habe. Er sagte, dass moderne Musik wichtig sei, dass die koptische Kirche ihre Kinder an die evangelische Chöre fast verlieren, weil diese moderne Chöre anbieten würden. Ich ahnte, dass die Befürchtung keine gute Nachricht für mich sein würde. Dann fragte mich die Frau ob ich denn Kopte sei.
Nun, warum sollte ich auch lügen, ich sagte, dass ich Muslime sei, dass wir aber in Deutschland erheblich offener als in Ägypten leben. Ich sagte, dass mir es schrecklich leid täte, was geschehen war und das es mich auch tatsächlich schrecklich schmerzt, dass anstelle eines nationalen Trauertages für die gefallenen Kopten am nächsten Tag zu halten, die Ägypter zu 80.000 im Stadion und zu Millionen auf den Straßen ein lächerliches Fußballspiel bejubelten.  Das paar hörte spannend zu. Jeder Kopte und die Mehrheit der Muslime trauern über diesen schwarzen Tag, was uns fehlt ist dass man das Unrecht beim Namen nennt.
Ich wurde dem Mann sympathisch und er fragte wie ich es denn als Muslime in der Kirche in Deutschland empfinde. Ich sagte die Wahrheit und fügte hinzu, dass ich 2010 selbst zwei Mal in der Kirche in einer naheliegenden Stadt zusammen mit der Pastorin predigte. Mein Leben besteht aus Kommunikation und Vermittlung, so war es in Ägypten und so ist es in Deutschland.  Also sprang der Mann auf und sagte, er werde Abuna persönlich vorbereiten, dass meine Audienz besser wird.  Er ging zum hölzernen Büro und ich fragte die Frau was zu tun sei, damit ich den nötigen Respekt zeige. Sie sagte: "Nichts. Einfach reingehen, seine Hand respektvoll küssen und dein Anliegen vortragen".
Mir war es erst unheimlich.  Ich merkte, dass ich etwas deutsch geworden bin, ich hatte schon in Ägypten die Hand eines koptischen Vaters beim Abendmahl geküsst in den Zeiten wo ich durch die Kirchen gurkte, um das Koptentum zu verstehen. Nun ist es mir unheimlich geworden, ich stellte mir vor, wie es wäre wenn ich jedes Mal Hans-Peters Hand küssen müsste, wenn ich ihn etwas fragen will. Ich lächelte und tarnte es vor der Frau mit der Aussage: "Wow, das ist ja lange her, ich hatte es fast vergessen".
Es war soweit, der Abuna kam aus seinem geschnitzten Holzbüro und stand nun da. Ich sprang auf und behielt dabei eine etwas gebeugte Haltung und streckte meine rechte Hand, so dass ich seine rechte Hand bekommen könnte.  Noch bevor meine Hand ausgestreckt war, erkannte ich, dass Abuna im schwarzen Kittel mit dem grauen Bart und großen koptischen Kreuz an der Kette bis zum Bauch die Handflächen zu seinem Körper straff hielt. Ich merkte wie ich meine Hände dann so öffnete als würde ich sie fragend oder betend vor mir halten und sagte Salamu Allaikum.

Die Reaktion von Abuna war alles andere als ich erwartet hatte. Er hob den linken Arm und die Hand so als würde man Stopp sagen und schimpfte: "Sag dies nicht in diesen Räumen!"  Ich war sichtlich schockiert und stotterte, was habe ich denn falsch getan. Er sagte, dass dies ein islamisches Zeichen sei, was hier nichts zu suchen hat.  Mir wurde klar, dass der freundliche Mann ihn gewarnt hat und nicht vorbereitet.  Ich fragte was er denn gerne von mir hören will. Er sagte, dass Salam reiche.  Ich sollte also Frieden sagen, aber nicht Frieden auf Euch. So ein Unsinn dachte ich mir. Auch wenn ich noch völlig irritiert war und es mir absolut peinlich war, da ich nicht alleine da vor seinem Büro stand, sagte ich ruhig: "Ich schlage vor, dass ich nun drei Schritte rückwärts gehe, mich drehe und einfach gehe, denn besonders willkommen fühle ich mich gerade nicht. Ich hatte mir die christliche Liebe etwas anders vorgestellt." Zwar blieb ich leise, aber noch laut genug, dass die Menschen es hören können. Abuna sagte nein, lass uns ins Büro gehen.

Also saß ich da vor ihm und hatte einen verdammt trockenen Mund. Ich sagte, dass es mir leid tut, dass die Tage die Lage für die Kopten schwer sei, aber dass gerade deshalb mein Besuch eine besondere Bedeutung bekäme.  Unbewegt und ohne Kommentare saß er da. Ich gab ihm meine letzten zwei CDs die ich mitgebracht hatte und zwei Broschüren von unserem Chor. Ich erklärte ihm, was wir im Gospelchor machen und tun und, dass ich ihm die Chance geben würde mit einem deutschen Kirchenchor gemeinsam zu musizieren, singen und zu beten.

Langsam wurde Abuna etwas sanfter und klagte, dass die Kopten es schwer haben. Obwohl es unter den Kopten schrecklich viele Fanatiker gibt und mir sehr wohl bekannt ist, dass sehr viele koptischen Kleriker nicht nur Muslime sondern andere Christen als Abergläubige und Häretiker betrachten, hielt ich es für sinnvoll diesen Diskurs nun nicht einzuschlagen.  Mein Ziel ist gemeinsam nach Gemeinsamkeiten suchen und nicht zu spalten sagte ich ihm.  Endlich war er nicht mehr zornig und entschuldigte sich für sein erstes Auftreten. Ich sagte ihm, dass es mir persönlich gleich sei ob ich Frieden oder Frieden auf Euch sage, ja ich würde ihn sagen was er will, so lange Frieden walten würde. Er gab mir einen Namen und eine Kirche, die bereits auf Touren war und sagte, dass diese Person interessiert sein würde. Dann gab er mir seine persönliche Telefonnummer, falls ich dort nicht durchkommen sollte. Zum Abschluss wollte er mir was zu trinken anbieten. Ich fragte ihn ob ich mit ihm ein Foto für meinen Blog machen könnte und rief den Mann von draußen herbei.  Im Foto legte ich meinen Arm um ihn und blieb aufrecht stehen und signalisierte dabei eine gewisse Gleichberechtigung, wenn ich schon nicht seine Hand küssen durfte.

Danach ging ich weiter. Ich trat in die Kirche und machte ein paar Videoschnitte.  Irgendwo oben in der Kirche "brüllte" ein Mann Verse aus dem Alten Testament und die Kinder riefen nach.
Er: Ich bin nicht von der Erde.
Kinder: Ich bin nicht von der Erde.
Er: Falls das Salz ausgeht.
Kinder: Falls das Salz ausgeht.
Er: Mit welchem Salz soll ich dann salzen.
Kinder: Mit welchem Salz soll ich dann salzen.
Er: Ich bin nicht von der Erde. Falls dann das Salz ausgeht.
Kinder: ....
...
Er: Nun die Mädchen alleine.

Ich musste mich an die Koranschulen in den Dörfern erinnern.  Neben Kopten die die einzelnen Bilder und Fresken anfassten und ihre Körper dann abstreichen saßen ein paar Touristen.
Vor der Kirche verabschiedete ich mich von den anwesenden Menschen mit nur "Salam". Diese antworteten erstaunlicherweise "Salamu Allaikum".

Von der Kirche ging ich dann zum Mari-Girgis Kloster. Ich wollte sehen ob die Kette vom heiligen Girgis noch da war.  Tatsächlich war sie da. Und junge Kopten wie alle anderen Jugendlichen, doch nur 1000-fach gläubiger, strömten rein, legten die Ketten um sich und schlossen ehrfürchtig die Augen.  "Baraka" Segen und Martyrerglaube spielt bei den Kopten eine außergewöhnliche Rolle.

So war es dann auch in der Abi-Sirga Kirche im koptischen Viertel. Da liegen die Gebeine des heiligen Beschuna Al-Maqari.  Die Kopten fassen die Vitrine an, können ein Papier mit Heilwünsche oder sonstige Anliegen in die Vitrine schieben und stehen da fromm herum.  Schon früher fand ich dies sehr interessant aber mir war immer klar, dass dies der wesentliche Unterschied zwischen Muslime und Kopten war. Während die Muslime Gott direkt anrufen, haben die Kopten die Knochen und Gegenstände heiliger dazwischen geschaltet. Zumindest war dies so, bis ich vor Jahren in einem islamischen Viertel die Gräber von Verwandte des Propheten sah, wo die Leute auch hinströmen und Segen und Vermittlung wünschen.  Auch habe ich früher oft Frauen mit Kopftüchern bei den Ketten des heiligen Girgis gesehen, heute aber nicht.
Das besondere in der Abi-Sirga Kirche ist die Gruft. Ägypter und viele andere auf der Welt glauben, dass die heilige Familie sich hier versteckt hatte.  Das Fotografieren ist nicht erlaubt. Wenn man die Preise der schäbigen Postkarten in der Kirche beim Eingang zur Gruft sieht, weiß man auch warum man nicht fotografieren darf. Ich habe so lange gebettelt, bis ich es trotzdem durfte. Dafür habe ich ein Geschenk für Hans-Peter gekauft, um das Foto indirekt zu zahlen.

Meine letzte Station im koptischen Viertel sollte die jüdische Synagoge sein. Früher saß vor der Synagoge ein Wächter, den man auf 150 Jahre schätzen konnte, so viele Falten hatte er. Er war der letzte Jude im koptischen Viertel und ein respektierter Wächter, weil er ein anders als viele Juden im Israel-Ägypten Konflikt als frommer orthodoxer Jude den Zionismus nicht gut geheißen hatte. Das erinnert mich an ein Video, wie orthodoxe Juden Ahmeddin-Nejat, den iranischen Präsident in den USA empfangen hatte. Für sie war er ein Held, da in ihrem Verständnis ein jüdischer Staat gegen das orthodoxe Judentum verstößt.  Also fragte ich als erstes wo Am-Shahata sei, der Wächter.  Die Polizei und die Wächter vor der Synagoge sagten, wie erwartet, dass er nicht gestorben sei "rabina yirhamuhu", möge Gott ihm gnädig sein.  Ein typischer islamischer Spruch.  Gerade dieser Geist war was ich stets in diesem Viertel mochte.  Hier waren alle gläubig, zusammen gläubig egal ob Christ, Muslime oder der letzte Jude im Dorf. Alle glaubten zusammen und teilten gewisse Riten ebenso. Der neue Wächter mit Parkinson verkaufte mir ein Foto eines Marmorornaments aus der Synagoge. Es ist ein jüdischer Kerzenständer mit Adnonai in Hebräischen Buchstaben. Stellt man das Foto auf den Kopf steht dort in Arabisch Allah und aus dem Kerzenständer wird eine Gebetsnische.  Die Synagoge war stets ein Symbol der Einheit.

Leider habe ich durch das ganze Hin und Her, dass Freitagsgebet verpasst. Ich lief zur Metro und nahm den Zug zum Tahrir Square, wo die Revolution stattgefunden hatte. Dort sollte heute ein Marsch der Einheit stattfinden.

2) Am Tahrir Square

Enttäuscht entdeckte ich lediglich ein paar hundert Personen und dachte an das Fußballspiel mit 80.000 Menschen und Millionen Zuschauer in den Straßencafes.  Doch selbst diese wenigen Menschen haben mich fasziniert. Ich kam mir wie in London vor. Lauter Grüppchen mit einem Sprecher in der Mitte. Da einer aus der Muslimbruderschaft, der wittert, dass alle Sündiger 80 Hiebe bekommen, dort ein paar Junge Menschen mit Flaggen.  Eine ohne Kopftuch, eine mit Vollverschleierung und eine andere mit Kopftuch und Mikro.  Ich mischte mich unter diese Gruppe und ließ mich mit einem Mädchen fotografieren. Ich frage was sie machen, studieren usw.
Auf der anderen Straßenseite war eine Gruppe um eine Frau versammelt die auf einem Stein saß und mit einem Mobiltelefon jemandem theatralisch vortrug wie traurig sie wegen den Ereignissen sei. Ich konnte sofort sehen, dass sie lediglich Aufmerksamkeit sucht, die sie auch bekommen hat: "Bei Allah, ich bin traurig, so traurig". Sie begann so zu tun als würde sie weinen, doch es war unecht. Und weil ihr dies bewusst war schrie sie: "Bei Allah ich schauspiele nicht". Während sie so schrie sah ich, dass alle oberen Schneidezähne bei ihr fehlten. 
Dort war ein Polizeibeamter in Uniform. Er erzählte etwas, dass er in Israel war und dass er sich dort für die Sache stets eingesetzt hatte. Welche Sache konnte ich nicht verstehen. Er diskutierte mit einen alten Mann und die jugendlichen filmten das Ganze mit ihren Mobiltelefonen. Ich habe noch nie so viele Mobiltelefonierer in gesehen wie in Ägypten. Jeder Bettler hat ein Mobiltelefon könnte man fast denken.

Ein Mann der sichtlich muslimischen Glaubens war und sich als Gelehrten verstand, stand da mit einem großen Schild. Ich fragte ihn was er sucht und er sagte, dass er hier sei um seine christlichen Brüder zu unterstützen.

Da ich die Revolution nicht auf meine Fahne schreiben kann und dies auch bedauere, dachte ich, dass es Zeit ist weiter zu gehen.

3) In der Schule
Am heutigen Tag sollte in der deutschen evangelischen Oberschule ein Treffen der Ehemaligen sein. Also nahm ich eine Taxi zur Schule.  Mir fiel sofort auf, dass der Zaun um die Schule nun aus Stein und mindestens 4 Meter hoch geworden ist.
Am Eingang war ein ehemaliger älterer Student den ich zwar kenne, aber dann doch nicht. Er hat mich nicht erkannt. Doch als ich meinen Namen schrieb, stand er auf und umarmte mich. Es war geschauspielt.
In der Schule machte ich für meine Kinder ein Video. Hier Schwimmbad, da Rennbahn und Hof, dort die Sporthallen und hier mein Kindergarten.  Auf einen der Tische saß mein schwuler Kumpel, der schon in der Grundschule stockschwul war. Keine einfache Sache in Ägypten. Ich fragte ihn ob er immer noch sein Glück in Spanien sucht. Mit einem grinsen antwortete er: "Natürlich". Und da war eine Mitschülerin, die sich stets für etwas besonderes hielt. Auch hatten mir Freunde von ihr berichtet. Sie muss sich bis heute stets in den Mittelpunkt stellen. Nach der Revolution soll sie jedem erklärt haben wie viel sie getan hat und wie wenig die anderen machen. Doch nach 13 Jahre Schule, 4 Jahre gemeinsames Studieren und viele Jahre gemeinsames Arbeiten übersieht man einfach solche Dinge. Also saß sie da und ich grüßte sie, wie man Freunde grüßt. Doch sie wies mich ab: "Keine Umarmung". Sie hat jetzt ein Kopftuch, sie ist muslimischer als ich geworden. Ich könnte sie ja vielleicht sexuell begehren! Erst jetzt erkannte ich dass sie mindestens 30 kg zugenommen hatte und ein Kostüm trug was bestenfalls als ein billiger Karnevalfetzen beschrieben werden kann. Weiße und Himmelblaue Streifen von Kopf bis Fuß.  Ich schaute sie kurz an und dreht mich um. Für so einen Unsinn hatte ich echt keinen Bock.
Zwei drei Bekannte, die ich nicht mehr kannte. Ein Smalltalk hier und Chat da und ich wollte was zu trinken kaufen.  Die junge Frau am Tresen kannte ich, doch ich wusste nicht woher.  Ich kenne dich doch, sagte ich. Sie fragte wie ich heiße. Es stellte sich heraus, dass ich ihren Bruder kannte, dem sie sehr ähnelt.
Sie: "Und wo lebst du, hast du Kinder"
Ich: "Ja, drei sogar, ich lebe in Deutschland"
Sie: "Ah... Und die Kinder? Muslime?"
Ich denke mir, oh je, wieder so ne Diskussion
Ich: "Wird sich noch feststellen"
Sie: "Wie, du bist doch Muslime oder"
Ich: "Manchmal, und du"
Sie: (überlegend grinsend, sie trug ein Kopftuch)"Und deine Frau?"
Ich: "Weshalb?" (obwohl ich schon weiß wo sie hin will und die ganze Diskussion schon kenne)
Sie: "Ja die Kinder müssen doch als Muslime registriert werden?"
Ich: "Islam ist im Herzen, nicht im Pass."
Ich merke wie ich nicht mehr kann.
Ich: "Ich wollte was zu trinken kaufen."
Sie: "Ist deine Frau Muslimin?"
Ich: "Ist doch egal."
Sie: "Ja, Männer dürfen Christen heiraten."
Ich provoziere sie:
Ich: "Frauen auch."
Sie: "Was, nein, dass ist im Islam verboten."
Ich: "Wo steht das?"
Sie: "Das ist allgemein bekannt."
Ich: "Gerade das ist das Problem, ihr wisst nichts und belehrt die Menschen. Das Kopftuch was du da trägst, kannst du ebenso wenig religiös begründen."
Ich werde langsam wütend und habe nebenbei schon drei Mangosäfte getrunken.
Sie: "Die Wirtschaft und die Gesellschaft..."
Ich: "Sei doch so nett und beantworte meine Frage, welche Referenz kannst du dafür bringen, dass muslimische Frauen keine Christen heiraten dürfen. Wenn du keine kennst schlage ich vor, dass du drei bis vierhundert Bücher liest, studierst, dich weiterbildest und dann kommst mit den Menschen sprechen die es studiert haben."
Sie: "Du kannst El-Qardawi anrufen und ihn fragen"
Ich: "El-Qardawi ist pervers, der erklärt in Youtube Dinge über Masturbation von Frauen und dem Islam, ich habe besseres zu tun als perverse Menschen anzurufen".
Die junge Frau bekommt ein Schreianfall. Ich bin schadensfroh. Ich schaue mir dieses Fiasko nun schon Tage lang an. Meine besten Freundinnen klagen darüber, dass fast all unsere Bekanntinnen durchdrehen und nur noch über Kopftücher und Religion sprechen.
Im Eilschritt gehe ich weg. Unterwegs fängt mich der Vorsitzende ein, der mich am Eingang umarmte.  Er hat eine gebückte neugierige Haltung. Er sieht, dass er aus mir Infos über die anderen bekommen kann. Etwas für den nächsten Gossip. Er fragt was ist los, ich sage die Frauen da sind völlig verrückt geworden. Er zeigt auf sie und ich sage: "Ja, bist du zufrieden."

4) Im Bazar
Der Schock mit dem Abuna und mit der ungebildeten Frau war mir für ein Tag genug.  Ich fahre zum Khan Khalili Bazar wo ich einen Anhänger für eine Freundin meiner Schwiegermutter kaufen will. Angekommen sehe ich einen jungen Tourist mit seiner Freundin, die wie Aas von den Händlern aus allen Himmelsrichtungen angelabert werden. Ich sage ihnen in Englisch, ich könnt mit mir reinkommen, ich verkaufe Euch nichts, oder Ihr könnt hier von den Geiern gefressen werden!  Sie kommen mit.
Ich zeige Ihnen wo sie hin sollen und biete ihnen an mit mir ein Tee zu trinken. Die Einladung nehmen sie an. Wir quatschen über den Handel und den Unterschied zwischen hier und dort. Sie wollen eine Ledermappe, ich zeige ihnen wo man sie kaufen kann. Dann zeige ich ihnen wo die Taxis stehen und gehe den Anhänger kaufen.  Im Laden fragt mich der nette Verkäufer was denn mit mir los sei, ich sage, dass ich das ganze nicht mehr so ganz verstehe. Ich frage ihn, warum alle Leute denn Fußball schauen, während die Kopten vor wenigen Tagen vom Militär überfahren werden. Er sagt, dass Ägypter schon immer Fußballnarren sind. Ich sage, dass in Norwegen weniger geschehen ist, und dass das ganze Land Tage lang offiziell trauerte und hier weigert man sich das Unrecht beim Namen zu benennen. Der zweite Verkäufer im alten Laden sagt, ja du hast Recht. Der andere Verkäufer schweigt, er sagt, dass sein Freund -und zeigt auf seinen Kollegen- einer der guten Muslime sei. Scheinbar habe ich nicht mitgekriegt, dass er Kopte ist.  Er war sichtlich angetan, dass hier jemand das Übel beim Namen nennt.

Der Anhänger war dann irgendwann fertig. Ich ging zum Cafe von vorher. Es kam ein junger Händler an, 13 Jahre, der Kupferanhänger verkauft. Er hatte eine unglaublich freundliche Ausstrahlung. Ich fragte ihn wie lange er schon arbeitet, er sagte, dass er gerade begonnen hat. Ich kaufte einen Anhänger und zeigte ihm den Stuhl. Er setzte sich hin und bestellte einen Tee mit Milch. Hassan ist sehr gut erzogen und ein sehr gepflegter Junge. Auch wenn sein T-Shirt einen Riss hat und die Schuhe billig waren, so hatte er sehr gepflegte Hände. Man erkennt, dass deine Mutter dich pflegt, sagte ich ihm. Er strahle und sagte danke. Hassan geht morgens zur Schule, kommt dann nachhause, schläft eine Stunde, isst und macht Hausaufgaben, dann geht er zu einen Kupferladen, wo er Ware bekommt. Er geht dann ein zwei Stunden los und geht dann zum Händler und rechnet ab. Er sagt, dass er nicht gerne eigene Ware kauft, weil er nicht weiß ob er sie los werden wird und falls sie runter fällt, dann trägt er die Kosten.
Neben uns setzte sich eine sudanesische Familie aus der oberen Mittelschicht. Eine Mutter, Tochter und zwei Söhne. Ich sagte ihnen, seit doch so nett und kauft was von dem lieben Hassan, was sie dann auch nach etwas Handeln machten. Nagua die Mutter fragte mich nach meinem Werdegang. Ich erzählte ihr, dass ich früher als Fremdenführer hier oft saß. Das war der Anlass, dass sie mir 20 Minuten über die Kultur Meroes (Sudan) erzählte. Wie alle Sudanesen die ich kennengelernt habe, war sie sehr gebildet. Sie sind in Ägypten, um der Tochter die ägyptische Staatsangehörigkeit zu beantragen, denn mit dieser wird sie in ihrer eigenen Heimat im Sudan besser behandelt. Ich schenkte der Frau eines meiner Bücher und nahm ein Taxi nach Zamalek, wo ich ein paar Bücher kaufen wollte.

Der Taxifahrer hatte scheinbar gegen die Regeln verstoßen und mich geschnappt, obwohl er letzter in der Reihe war.  Als wir in Zamalek ankamen stellte sich fest, dass er den Tacho nicht angemacht hatte. Ich fragte ihn weshalb dies so sei, er sagte, dass man das von Khan Khalili aus, nicht macht.  Er log natürlich! Ich fragte also was willst du von mir haben, er sagte: "Was du zahlst". Ein Satz der mich stets genervt hat. Stets sagen die Händler zahle was du willst und dann das hin und her. Also gab ich ihm 10 ägyptische Pfund (1,5 Euro). Er regte sich auf und sagte es müssen 15 sein (2,2 Euro). Und obwohl es nicht mein Stil ist, habe ich wegen seiner Frechheit gesagt, dass ist nun mal was ich zahlen will. Vor uns stand ein Polizist, er hätte also keinen Streit beginnen können, weil er ein weißes Taxi fährt. Diese werden vom Staat zum Herstellpreis geliefert, mit der Bedingung immer das Tacho anzuschalten.

In der Buchhandlung kaufte ich unter anderem ein Buch von Ala Al-Aswani mit Kurzgeschichten und ein Buch welches meine Frau schon immer wollte, dass ich es lese. Nun habe ich es in Arabisch und werde es endlich lesen..

Aktualisiert (Sonntag, den 16. Oktober 2011 um 06:54 Uhr)

 

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