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Mein achter Tag in Kairo

Samstag der 15. Oktober

Samstag in Deutschland ist der Beginn des Wochenende, in Ägypten ist es das Ende dessen. Schulen haben Freitag und Samstag geschlossen. Tatsächlich heißt sogar Sonntag auf Arabisch "Al-Ahad", also der "Eine" oder die "Eins". Die Wochentage in Arabisch zu merken sind schrecklich einfach. Man zählt von eins bis sieben. Der Samstag ist also ein "Sabt", also der siebente und Mittwoch ist der "Arba'a" oder der vierte.
Es ist ein ungewöhnliches Gefühl am Sonntag die Woche zu beginnen. Für mich bedeutet dies, dass ich zwischen dem Wochenende gestern hier in Ägypten und dem Wochenende nächste Woche in Deutschland anstelle von 5 Arbeitstage 6 haben. Auch wenn ich im Urlaub bin, so ist ein Arbeitstag etwas anders als ein Wochenendtag, ich kann es auch nicht unbedingt erklären, es ist einfach so.

Moshira, meine liebe Schwester hatte in meiner Abwesenheit ziemlich viel Papierkram erledigt. Das allerwichtigste ist meine nationale Identitätsnummer, ich bin also eine Nummer geworden. Ohne diese, kann man keinen Pass, keinen Personalausweis, keinen Führerschein, ja selbst keine Sterbeurkunde machen.  Der Übergang von den alten Personalausweisen, die aussahen als wären sie auf Karton von Toilettenpapierrollen gedruckt zu Karten mit einem elektronischen Chip war nicht ganz ohne. Hinzu kommt, dass aus irgendwelchen Gründen ich auf meiner Geburtsurkunde vier Namen habe, mein Name und drei Namen meiner Vorfahren. Moshira meine Schwester hat fünf Namen. Ihr ist es wichtig, dass ich nun auch 5 Namen habe, damit offizielle Papiere einfacher zwischen uns zu erledigen sind.

Wir fuhren deshalb nach Abbassiya wo das Amt für Personalangelegenheiten liegt.  Grundsätzlich habe ich eine Antipathie gegen alle Ämter in Ägypten.  Ich sah schon wie ein Beamter da hinter einem Gitter sitzt, seine Tasse Tee trinkt, raucht und herumfuchtelt aber seine eigentliche Arbeit, die Angelegenheiten der Bürger in Form einer ewigen Menschenschlange kaltschnäuzig am Arsch vorbeigehen lässt.

Doch sollte ich erfahren, dass das Amt recht schnell arbeitet.  Hinter einem Tresen aus Rosegranit saßen 6 Personen. Hinter dem Tresen waren ca. 11 graue "Ideal" Büros. Auf einem war ein PC und hinter dem Tresen gab es auch einige Rechner.  Eine Schlange von Menschen gab es nicht, eher eine Ansammlung von unstrukturierten Personen. Jeder wusste wo er hin muss, außer ich. Ich blieb daher in der Nähe meiner Schwester wie ein Kind das am Kleid seiner Mutter hängt.

Moshira spricht in Ämtern oder vor anderen fremden Ägyptern oft mit mir Arabisch, vermutlich will sie unbewusst oder bewusst den Beamten signalisieren, dass wir zwar wie Europäer aussehen, aber einer von ihnen sind. Meine Mutter sprach auch mit mir Arabisch, wenn sie Papiere erledigte. Ich erinnerte mich daran und merkte wie ich mich selbst kritisiere. Doch ich nahm es letztendlich hin, dass ich der jüngere Bruder bin. Ich sagte kein Wort, schließlich kennt Moshira sich hier besser aus als ich.

Dann aber wollte ich ja auch fragen wie ich meine Kinder und Frau anmelden kann. Ich fragte also den Mann, der die Papiere erledigte, er sagte ich soll dort fragen und zeigte zum linken Eck vom Tresen. Da sitzt Madame Azza, sie ist dafür zuständig.

Madame Azza saß unter dem Schild "Todeserklärungen und Sterbeurkunden". Ich fand das Schild unpassend. Anmeldungen und Passwesen war neben Madame Azza, der Platz war nicht belegt.

Vier Bürger waren am Tresen und lobten Frau Azza mit allen vorstellbaren Hymnen.  Von Abstand und einer Reihenfolge ist hier nichts zu spüren. Der eine Mann sagte, geh einfach dazwischen und frage sie.

Ich hätte es gerne getan, aber ich war schon zu Deutsch. Ich räusperte, hustete sagte mehrfach "ähm", aber Madame Azza war beschäftigt. Zwar sah ich an, dass sie jedes Betteln der Bürger wahrgenommen hatte, doch war sie hier der Boss. Und der Boss muss nicht nach oben schauen, wenn ein Bürger etwas will.
Als ich endlich die Chance hatte, sagte ich ihr mein Anliegen. Sie fragte nach meinen Ausweis, ich hatte nur den deutschen Pass. Sie sagte, dass ich ein Papier brauche, aber dass es bei den Männer Ewigkeiten dauern kann. Sie werde schnell zu den Frauen, gehen und mir das Papier besorgen.  Also hatte ich das Papier in wenigen Minuten. Ich bedankte mich und merkte, dass Madame Azza stolz war geholfen zu haben. In gewisser Weise hat mein europäischer Look mir hier insofern geholfen, dass ich aussah wie ein Hilfsbedürftiger.

Ich bin dem Ganzen ein Schritt näher gekommen und müsste vermutlich dieses Jahr noch einmal herreisen, nachdem meine Geburtsurkunde meinen neuen alten Namen hat.
Bestenfalls in 25 Tagen, dann habe ich ebenfalls 5 Namen wie meine Schwester.

Wir machten uns auf den Weg zu meiner 62 jährigen Cousine. Wir fuhren bei dem ehemaligen Irrenhaus vorbei. Es ist heute ein offener Park, dass alle Irren von Kairo reinkommen können. Das Irrenhaus, welches mittlerweile psychische Anstalt heißt, steht nun wo anders.

Mona meine Cousine ist eine tolle Frau. Sie hat ihren Mann letztes Jahr verloren, ihr Sohn hatte lange Krebs ist dennoch auskuriert und hat lange Zeit ihre Mutter auch noch gepflegt. Mona hat sich entschlossen nicht in Pension zu gehen und arbeitet wieder. Sie ist eine respektierte Buchhalterin und leitet eine ganze Finanzabteilung in einem Amt, welches ich nicht mehr kenne. Wenn man sie so sieht, denkt man sie ist eine kleine griechische untersetzte Händlerin, wenn sie spricht ist man gezwungen sie zu achten und zu bewundern.

Gegen 15 Uhr nahmen wir eine Taxi nach Zahra Al-Maadi, wo meine Schwester in der Wohnung meines Bruders wohnt.  Wir fuhren bei einer Pyramide für die unbekannten gefallenen Soldaten vorbei und wo das Grab von Sadat liegt. Gegenüber der futuristischen Pyramide ist das Pavillon wo Sadat öffentlich von Extremisten mit Schüssen überfallen und getötet wurde. Der Taxifahrer kam mir bekannt vor, auch er bestand darauf, dass er mich schon einmal gesehen hatte. Da ich keine Lust hatte in Diskussionen einzugehen noch in dieser Hitze meinen Lebenslauf einen fremden Taxifahrer erzählen wollte, machte ich ein paar Witze und las einfach in meinem Buch "Friendly Fires" von Alaa Al-Aswani weiter.

Zuhause konnte ich endlich vom Vortag etwas ruhen, bevor ich um 19:30 Uhr Mai treffen würde. Wir trafen uns in einem orientalisierten Cafe. Orientalisiert, weil es mittlerweile einen Standard dafür gibt, wie ein orientalisches Cafe in einer Mittelschicht Gegend auszusehen hat. Kissen auf dem Boden, Wasserpfeifen die nicht funktionieren und eine Menükarte in welcher die traditionellsten ägyptischen Getränke in arabischen Buchstaben Englisch übersetzt geschrieben sind. Das übliche Qahwa (Kaffee) heißt nun Kofe und Orangensaft heißt nun Orange Juice. Ich entschloss mich eine Wasserpfeife zu bestellen. Weil ich meiner Freundin Mai die Geschichte des Vortages erzählte, kam ich nicht dazu an der Wasserpfeife zu ziehen. Also sagte ich es dem Jungen, der die Tonschalen mit Tabak und Kohle neu aufsetzt. Er sagte das diese Tabakschale "Gombillimon" sei. Ich konnte beim besten Willen nicht verstehen, was er sagt. Egal wie ich ihn fragte, er bestand darauf, dass diese Schale "Gombillimon" sei und schnallte stets das den letzten Buchstaben als würde er das "N" durch die Nase schieben wollen.
Mai klärte mich auf "complimentary". Ich konnte mich nicht mehr vor Lachen fassen. Was ist nur mit den Kellnern in Kairo geschehen. Mir gelingt es nicht zu verstehen was diese sagen. Fast jedes zweite Wort ist ein Englisch und so ausgesprochen, dass keiner es versteht. Nun kommt dieser an mit "Gombillimon"!
Mai hatte Geburtstag und erzählte, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit im Dezember wieder in Deutschland sein wird. Vermutlich wird sie uns nicht besuchen, weil sie in München ist. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

Mai setzte mich bei der Buchhandlung Al-Diwan ab, wo ich angeblich die gesamt Sammlung von Gamal El-Bannah finden würde. Dieser Mann fasziniert mich in jedem Wort, das er schreibt. Es ist als würde er meine Aufschreie hören und nur für mich schreiben. Fast alle meine Auffassungen über den willkürlich falsch patriarchalisch interpretierten Koran, die erfundenen Prophetensprüche, dem patriarchalischen Kultur-Islam und der zurückgebliebenen Kultur-Muslime finde ich in seinen Büchern mit den besten Argumenten die ich jemals gefunden habe. Auch wenn es ihn weder auszeichnet noch benachteiligt, so ist dieser Mensch der Bruder der Gründers der Islambruderschaft.  Es ist schon sagenhaft, dass beide aus dem gleichen Haus stammen. Einer Erzkonservativ und der jüngere Erzliberal. Wobei die Muslimbruderschaft heute herzlich wenig mit dem Gründer und seine Ideen zu tun hat.
Wie am Tag zuvor, wurde ich bitter enttäuscht. Die Buchhandlung hatte mehr englische Bücher als Arabische.  Ich müsste also doch morgen noch zur Stadt um eine Buchhandlung fürs Volk zu besuchen und nicht eine für die auserwählte obere Mittelschicht, die mittlerweile mehr kaputtes Englisch als vernünftiges Arabisch spricht. Es ist ja nicht, dass ich Mehrsprachigkeit verpöne. Meine Schwester und ich vermischen ja auch Englisch, mit Deutsch und Arabisch. Doch sind wir multilingual erzogen worden. Meine sagenhaften Kellner sprechen kein Wort arabisch und vermutlich wissen sie nicht einmal, was sie da sagen. Es hat sich in der Gegen eine eigene Kellnersprache entwickelt.

Das Gespräch mit Mai brachte mich auf eine Forschungsidee, die ich wohl nie machen kann, weil mir dazu die Mittel fehlen. Vor einigen Tagen traf ich einen Apotheker, der eigentlich keiner ist, sondern seine Frau, vor seiner Apotheke.  Als ich ihm sagte: "Siehst du was in unserem Lande geschehen ist", sagte ein 6-7 jähriger Junge: "Die Kopten haben uns angeschossen".
Tatsächlich hatten die Medien, auch die deutschen, diesen Unfug verbreitet. Signifikant ist, dass der kleine Junge das Militär als "uns" und die Kopten als die "Anderen" begriffen hat. Die Tragödie vor einer Woche wird eine ganze Generation beeinflussen und ich befürchte, dass es nicht die letzte sein wird.  Ich würde liebend gerne ei paar Grundschule in Kairo gehen und kindergerechte Umfragen machen, um die "Koptenfeindlichkeit" wenn man es so nennen darf in einigen dieser Kinder zu identifizieren. Ich würde dann die Familie dieser Kinder interviewen wollen, um zu messen welche Prozesse bei der Entwicklung von Koptenfeindlichkeit entscheidend sind. Diese würde ich dann gerne mit den Prozessen vergleichen die bei Islamfeindlichkeit in Deutschland entscheidend sind. Vielleicht gibt er einen gemeinsamen Nenner, vielleicht könnte man solche Entwicklungen im Keim ersticken!

 

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