Mein zehnter Tag in Kairo
Montag der 17. Oktober
Es ist 07:00 Uhr als ich aufwachte. Obwohl ich erst sehr spät schlafen war und
obwohl die Nacht alles andere als erholsam war, habe ich mich entschlossen nicht
mehr weiter zu schlafen. Ich wollte meinen Blog weiterschreiben. Das Schreiben hat
mich diese Reise erfasst und ich befürchtete, dass ich nicht mehr viel Zeit zu
schreiben haben werde, weil ich am nächsten Tag schon zurückfliege.
Also wusch ich mich schnell und setzte mich auf einen dieser weißen Plastikstühle,
drückte meine Füße in diesen seltsamen weichen Rasen und begann zu tippen, was ich
am Vortag erlebte.
Moshira war schon weg. Ich war schon gewohnt jeden Morgen von ihr einen Brief zu
finden wo sie ist und wann sie kommt. Heute war da kein Brief. Ich dachte mir, dass
sie vielleicht kurz spazieren ist oder so.
Irgendwann kam Moshira dann und war ganz verblüfft, dass ich schon wach vorm Zimmer
sitze und fragte warum ich sie denn nicht angerufen hatte. Moshira war schon früh
zum 10 Minuten weiten Strand gelaufen, wo sie faszinierende Bilder von den Rillen
gemacht hat, die die sanften Wellen in den Strand zeichnen. Wer nicht weiß, dass es
sich um Nahbilder am seichten Strand handelt, könnte es mit Dünen von Dubai
verwechseln.
Moshira und ich liefen dann zum Frühstück. Das Büffet war ziemlich groß und hatte
von allem etwas. Dies wobei das Hotel absolut unterbelegt war. Von den 330 Zimmern
waren bestenfalls 30 Zimmer belegt. Nur die Marmelade konnte ich in diesem Büffet
nicht finden, egal wie lange ich suchte. Also fragte ich einen Kellner:
"Entschuldigung, bei so einem großen Büffet, gibt es doch sicherlich auch
Marmelade?".
Der Kellner zeigte auf die Pfannkuchen, wo man sich Marmelade holen kann, dann gäbe
es auch noch "Birschin" Marmelade. Der Kellner betonte das "r" in der
Marmeladensoße mit einem mächtigen Zungenrollen. Ich konnte mir darunter nichts
vorstellen. "Birrrrrschin", so etwas interessantes. Ja, die möchte ich haben. Ich
fragte ihn, was dass den für eine Frucht sei die ich noch nicht kenne. Der Kellner
schaute mich an, als käme ich vom Mars. "Birrrschin, Birrrschin" dabei machte er
mit seinem linken Daumen und Zeigefinger einen kreis und schüttelte die Hand nach
oben und unten. Dann streckte er die Hand und zeigte mit den restlichen Fingern die
nicht an der Kreisformung beteiligt waren auf einen Tisch.
Dort fand ich Honig, Feigenmarmelade, Erdbeere und Orangenmarmelade und Butter in
kleinen Verpackungen portioniert, wie man sie von Hotels und Flugzeugen kennt.
Mein Gott, wieder schrie und lachte ich zugleich. Der Kellner meinte mit
"Birrrschin" die englische Aussprache für Portion. Mit seinen Fingern wollte er
also kleine Portionen darstellen.
Höchste Zeit, dass ich zurück fliege dachte ich mir. Ich lachte, doch irgendwie war
es nicht mehr lustig. Es wurde einfach langsam anstrengend.
Ich bestellte mir noch schnell ein Omelett. Auf den TANG Orangensaft verzichte ich
und schlürfe drei Kaffees. Moshira scheint ihr Frühstück auch zu genießen, war aber
etwas traurig, dass das Sea Club Hotel, welches sie gebucht hatte, nicht direkt am
Strand liegt. Doch so richtig auf Strand hatte ich auch keine Lust mehr, weil ich
relativ früh zurück fahren wollte. Ich wollte noch am selben Tag zu einer
Buchhandlung in Kairo, ich wollte Geschenke kaufen, den Stadtviertel wo ich
aufgewachsen bin noch einmal besuchen, meinen alten Nachbarn grüßen, meine Tasche
packen und Abends mit meiner besten Freundin gemütlich in einem Cafe sitzen und vor
allem ihr Mut zusprechen, dass sie endlich sich von den Fesseln die sie halten
befreit. Da ist eine Frau in meinem Alter, unverheiratet weil keines der Angebote
der Familie passte und ohne Freund, weil dies in Ägypten verpönt ist. Sie schuftet
mehr als jeder in ihrer Familie und doch hören wir immer von mehr bärtigen
Gelehrten uns erklären, dass die Frau dem Mann unterzuordnen ist, dass sie für das
Gebären geschaffen ist, dass sie psychisch und emotional nicht für die Außenwelt
geeignet ist und das der Innbegriff von Gleichberechtigung sei, dass die Frauen
zuhause bleiben und beim Ausgehen sich am besten in einem Zelt fortbewegen. Meine
liebe Freundin, die ich hier nicht namentlich erwähnen will, ist produktiver als 10
solcher sprechender Bärte!
Moshira und ich gingen noch zum Pool, der wie ein Strand vom Film Blue Lagoon
aussah. Im Wasser merkte ich, dass mir die Haut juckt. Ich versuchte nicht daran zu
denken, dass der Gift den sie jeden Abend hier sprühen, durch die starken Düsen
stets im Pool gut gemischt wird.
Um 11:30 Uhr fuhren wir in Richtung Zahraa Al-Maadi, wo Moshira und ich wohnen. Der
Name ist in sich schon ein Wunder. Zahraa bedeutet "Blume". Letztens als Medhat
mich anrief, sagte ich ihm, dass seine Wohnung sehr schön sei. Er hat in der Tat
sehr viel Mühe in seine Wohnung rein gesteckt. Als vorsichtig fragte, wie den der
Ort sich entwickelt habe, konnte ich mich nicht abhalten zu sagen, dass der
Name "Blume von Maadi" nun besser "Mülleimer von Maadi" heißen sollte. Ich hätte
mich besser zurückhalten sollen, denn zweifelsohne ist es belastend mit anzusehen,
dass der eigene Ort zu so herunter kommt. Aber es scheint ein allgemeiner Trend in
Ägypten zu sein. Es ist eine Anarchie geworden! Es gibt keine echte Regierung und
die Polizeibeamten die früher ohne Zucken einen Bürger mitten auf der Straße eine
Ohrfeige wischten, ich habe es selbst erleben dürfen, laufen nun geduckt und
gebrochen. Gelegentlich sieht man mitten im Chaos einen wichtigen Polizisten, der
Papiere kontrolliert, aber was ist schon ein Tropfen in der Wüste? Die meisten
Beamten sind gebrochen, schließlich hat das Volk sie wortwörtlich besiegt. Die
Polizei in Ägypten die der Innbegriff der Staatswillkür, besser Mubarak-Willkür
war, die Polizeiakademie in die man nur mit Vitamin B gekommen ist, die
Polizeiwachen die in sich schon ein Kosmos von Judikative und Exekutive waren,
alle sind von dem Aufstand der Ägypter geflohen. Nun laufen sie geduckt und ziehen
den Schwanz ein, wie Straßenhunde die gejagt werden.
Das nicht alle Polizisten korrupt waren ist selbstverständlich. Doch es herrschte
eine polizeiliche Kultur der Gewalt und Selbstherrlichkeit, die selbst jeden
zurückhaltenden Beamten infizieren musste, um im Apparat zu überleben.
Vor ein paar Tagen als ich im koptischen Viertel war hat einer der Polizisten mich
zur Seite genommen und gefragt was ich denn arbeite. Dabei begann spazierte er zum
Hinterhof der Synagoge. Zwar konnte ich die anderen Menschen noch sehen, aber der
Typ war mir unheimlich. Ich antwortete ihm, dass ich Polizist wie er bin. Als er
fragte was ich denn in der Polizei mache, habe ich einfach gelogen. Ich sagte, dass
ich die Spezialeinheiten im Kampfsport ausbilde. Es hat sichtlich funktioniert, der
ägyptische Kollege ging ein Schritt zurück. Er begann dann zu klagen über den Adli,
den ehemaligen Minister. Wer damals nicht gemacht hat was ein Vorgesetzter sagt,
wäre selbst ins Gefängnis gekommen. Irgendwann hat man dann doch mitgemacht sagte
er. Ich hatte ihn nicht einmal gefragt! Es war wie eine Beichte. Dann zeigte er auf
einen Brunnen. Dies sei der Brunnen wo man glaubt, Moses im Korb gefunden zu haben.
Scheinbar war er nicht so gefährlich wie ich dachte. Vermutlich wollte er ein
Trinkgeld. Ich tat so, als würde ich dies nicht bemerken und spazierte dann wieder
mit ihm zurück.
Wieder einmal verliere ich den Faden! Moshira und ich fuhren also zurück. Unterwegs
kaufen wir ein Eis, welches in dieser Hitze schneller schmitzt als man es
überhaupt essen kann. Wir hielten wieder an, um ein paar Steine auf den schwarzen
Hügel zu suchen und kamen recht schnell an. Unterwegs hielten wir in Carrefour, ein
Kaufhalle die in einem Kaufzentrum liegt und auf einer Ebene größer als das HDW
ist, oder vielleicht drei oder viermal so groß wie REAL in Eberswalde.
Eigentlich wollte ich nur Mangos kaufen. Dann habe ich doch alle möglichen
Lebensmittel gekauft, die ich in Deutschland nicht finden kann. Die Hälfte musste
ich dann doch liegen lassen, weil ich im Gepäck Übergewicht hatte. Im Mall gab es
auch ein Stand mit "Naturprodukten", wobei ich an der Echtheit dieser Produkte
etwas zweifeln muss, wenn ein ätherisches Rosenöl lediglich 3,5 Euro kosten soll.
Es sei denn es ist mit einem natürlichen Maisöl gestreckt. Ich nahm es trotzdem.
In Ägypten gibt es eine Wurst die "Mumbar" heißt. Es ist ein Darm der mit Reis,
Hackfleisch und Gewürzen gefüllt ist. "Mumbar" ist etwas ganz leckeres und sieht
aus wie eine verbrannte wulstige Bratwurst, schmeckt nur 1000 mal besser. Am Tresen
konnte ich meine Augen nicht glauben. Ich schrie: "Mumbar, mein Gott". Der
Verkäufer war von meiner Begeisterung sichtlich angetan und bot mir gleich zwei
große Stück an. Ich nahm sein Angebot danken an und begann also am Tresen im
Supermarkt unbezahlt Mumbar zu essen. Zwar kann man in Deutschland auch eine
Kostprobe bekommen, aber gleich zwei ganze Bock oder Bratwürste. Ich kaufte gleich
eine riesige Portion.
Das Fotografieren ist in diesem Mall unverständlich verboten. Wer es verbietet und
warum steht nirgendwo, doch sagen die Security, dass das Fotografieren verboten
ist. Ein Glück gibt es Handys mit Kameras und so habe ich auch von diesem Mall mit
Marmor- und Granitboden ein paar Bilder. Wozu weiß ich nicht, aber ich wollte
schon immer mal wie meine Touristen damals, trotz Verbot, ein Bild machen.
Gegen 15:00 Uhr kommen wir zuhause an. Moshira will etwas ruhen, ich zwar auch,
aber ich bin dabei beschäftigt den Film von Moshira Projekt zu schneiden und für
Youtube vorzubereiten. Moshira hat mich noch nie um etwas gebeten und dies möchte
ich ihr echt machen. Es bereitet mir große Freude ihr diesen Gefallen zu tun.
Sowieso habe ich seit 30 Jahren noch nie so viel intensive Zeit mit Moshira
verbracht. Wie habe über Dinge gesprochen die über ein viertel Jahrhundert alt sind
und wie so oft, erst jetzt erkannt, dass auch wenn die Wahrheiten völlig
verschieden sind, dass beide wahr sind.
Irgendwann werde ich von meinen Freunden abgeholt. Wir fahren zum Cafe und lachen
über die alten Zeiten. Es ist als wären die Jahre nie gewesen. Es ist als würden
wir noch auf den Schulbus warten und die Steine vor uns mit den billigen Schuhen
stoßen. Wir sprechen von unseren Kindern und erzählen von unseren Partnern. Ich
erinnere mich, wie ich unterm Fenster von Karima Werbungslieder mit der Gitarre
gesungen habe, oder wie sie die Jungs in der Klasse alle im Stemmen besiegte. Eine
Stunde nach so vielen Jahren und wir lachen alle und machen Quatsch wie schon
immer. Ich erkenne die wahre und tiefe Freundschaft. Eine Freundschaft die nicht
fragt: "Warum hast du nicht... Wo warst du?" sondern sagt: "Wie geht es dir, ich
habe dich vermisst".
Es ist gut für mich diese Gruppe noch einmal zu sehen. Drei Freundinnen, die mir
viel Wert sind. Erst jetzt denke ich, dass ich Ägypten vielleicht doch noch besuche
bevor wieder 11 oder 12 Jahre vergehen. Um 22:30 Uhr müssen wir los, weil es sonst
zu spät wird.
Zuhause packe ich weiter. Ich habe zwei Koffer, in jeden darf ich nach der neuen
Regelung von Egypt-Air jeweils 23kg stopfen. Ich wiege Am Anfang der Wiegeprozedur
89,8kg auf Moshiras Wage, am Ende werden es nur noch 89,2kg sein. Ich weiß nicht
wie oft ich die Koffer an diesem haben getragen habe um mich damit auf die Wage zu
stellen. Ich sehe vor mir noch die Zahlen 120,5kg 118,2 oder 119,5 oder
oder... Das sind nach Abzug meines Gewichtes stets mehr als 23kg. Also muss ich ein
Mango von diesen Koffer in den anderen tun, oder doch in mein Gepäck. Die Steine
für Noah wiegen alle zuviel, also nur zwei Steine. Und die Kräuter für Alia und für
uns sind auch zu schwer, also alles halbieren. Hier und da, da und hier, bis ich
irgendwann auf der Wage mit dem einen Koffer 111,9 kg und mit dem Andren 110,4
wiege. Es ist schon 03:00 Uhr. Am nächsten Morgen will ich um 07:00 Uhr aufstehen,
damit wir um halb acht losfahren. Egal was ich mache, ich sehe die digitale Ziffern
der Waage vor meinen Augen. Also hol ich das Buch Chicago von Alaa Al-Aswani und
beginne es zu lesen. Irgendwann beginne erreiche ich die halluzinative Phase, dieser
wunderbare Moment zwischen Wachsein und Schlafen. Noch muss ich aufstehen und das
Licht abschalten.
Es ist 07:00 Uhr als ich aufwachte. Obwohl ich erst sehr spät schlafen war und
obwohl die Nacht alles andere als erholsam war, habe ich mich entschlossen nicht
mehr weiter zu schlafen. Ich wollte meinen Blog weiterschreiben. Das Schreiben hat
mich diese Reise erfasst und ich befürchtete, dass ich nicht mehr viel Zeit zu
schreiben haben werde, weil ich am nächsten Tag schon zurückfliege.
Also wusch ich mich schnell und setzte mich auf einen dieser weißen Plastikstühle,
drückte meine Füße in diesen seltsamen weichen Rasen und begann zu tippen, was ich
am Vortag erlebte.
Moshira war schon weg. Ich war schon gewohnt jeden Morgen von ihr einen Brief zu
finden wo sie ist und wann sie kommt. Heute war da kein Brief. Ich dachte mir, dass
sie vielleicht kurz spazieren ist oder so.
Irgendwann kam Moshira dann und war ganz verblüfft, dass ich schon wach vorm Zimmer
sitze und fragte warum ich sie denn nicht angerufen hatte. Moshira war schon früh
zum 10 Minuten weiten Strand gelaufen, wo sie faszinierende Bilder von den Rillen
gemacht hat, die die sanften Wellen in den Strand zeichnen. Wer nicht weiß, dass es
sich um Nahbilder am seichten Strand handelt, könnte es mit Dünen von Dubai
verwechseln.
Moshira und ich liefen dann zum Frühstück. Das Büffet war ziemlich groß und hatte
von allem etwas. Dies wobei das Hotel absolut unterbelegt war. Von den 330 Zimmern
waren bestenfalls 30 Zimmer belegt. Nur die Marmelade konnte ich in diesem Büffet
nicht finden, egal wie lange ich suchte. Also fragte ich einen Kellner:
"Entschuldigung, bei so einem großen Büffet, gibt es doch sicherlich auch
Marmelade?".
Der Kellner zeigte auf die Pfannkuchen, wo man sich Marmelade holen kann, dann gäbe
es auch noch "Birschin" Marmelade. Der Kellner betonte das "r" in der
Marmeladensoße mit einem mächtigen Zungenrollen. Ich konnte mir darunter nichts
vorstellen. "Birrrrrschin", so etwas interessantes. Ja, die möchte ich haben. Ich
fragte ihn, was dass den für eine Frucht sei die ich noch nicht kenne. Der Kellner
schaute mich an, als käme ich vom Mars. "Birrrschin, Birrrschin" dabei machte er
mit seinem linken Daumen und Zeigefinger einen kreis und schüttelte die Hand nach
oben und unten. Dann streckte er die Hand und zeigte mit den restlichen Fingern die
nicht an der Kreisformung beteiligt waren auf einen Tisch.
Dort fand ich Honig, Feigenmarmelade, Erdbeere und Orangenmarmelade und Butter in
kleinen Verpackungen portioniert, wie man sie von Hotels und Flugzeugen kennt.
Mein Gott, wieder schrie und lachte ich zugleich. Der Kellner meinte mit
"Birrrschin" die englische Aussprache für Portion. Mit seinen Fingern wollte er
also kleine Portionen darstellen.
Höchste Zeit, dass ich zurück fliege dachte ich mir. Ich lachte, doch irgendwie war
es nicht mehr lustig. Es wurde einfach langsam anstrengend.
Ich bestellte mir noch schnell ein Omelett. Auf den TANG Orangensaft verzichte ich
und schlürfe drei Kaffees. Moshira scheint ihr Frühstück auch zu genießen, war aber
etwas traurig, dass das Sea Club Hotel, welches sie gebucht hatte, nicht direkt am
Strand liegt. Doch so richtig auf Strand hatte ich auch keine Lust mehr, weil ich
relativ früh zurück fahren wollte. Ich wollte noch am selben Tag zu einer
Buchhandlung in Kairo, ich wollte Geschenke kaufen, den Stadtviertel wo ich
aufgewachsen bin noch einmal besuchen, meinen alten Nachbarn grüßen, meine Tasche
packen und Abends mit meiner besten Freundin gemütlich in einem Cafe sitzen und vor
allem ihr Mut zusprechen, dass sie endlich sich von den Fesseln die sie halten
befreit. Da ist eine Frau in meinem Alter, unverheiratet weil keines der Angebote
der Familie passte und ohne Freund, weil dies in Ägypten verpönt ist. Sie schuftet
mehr als jeder in ihrer Familie und doch hören wir immer von mehr bärtigen
Gelehrten uns erklären, dass die Frau dem Mann unterzuordnen ist, dass sie für das
Gebären geschaffen ist, dass sie psychisch und emotional nicht für die Außenwelt
geeignet ist und das der Innbegriff von Gleichberechtigung sei, dass die Frauen
zuhause bleiben und beim Ausgehen sich am besten in einem Zelt fortbewegen. Meine
liebe Freundin, die ich hier nicht namentlich erwähnen will, ist produktiver als 10
solcher sprechender Bärte!
Moshira und ich gingen noch zum Pool, der wie ein Strand vom Film Blue Lagoon
aussah. Im Wasser merkte ich, dass mir die Haut juckt. Ich versuchte nicht daran zu
denken, dass der Gift den sie jeden Abend hier sprühen, durch die starken Düsen
stets im Pool gut gemischt wird.
Um 11:30 Uhr fuhren wir in Richtung Zahraa Al-Maadi, wo Moshira und ich wohnen. Der
Name ist in sich schon ein Wunder. Zahraa bedeutet "Blume". Letztens als Medhat
mich anrief, sagte ich ihm, dass seine Wohnung sehr schön sei. Er hat in der Tat
sehr viel Mühe in seine Wohnung rein gesteckt. Als vorsichtig fragte, wie den der
Ort sich entwickelt habe, konnte ich mich nicht abhalten zu sagen, dass der
Name "Blume von Maadi" nun besser "Mülleimer von Maadi" heißen sollte. Ich hätte
mich besser zurückhalten sollen, denn zweifelsohne ist es belastend mit anzusehen,
dass der eigene Ort zu so herunter kommt. Aber es scheint ein allgemeiner Trend in
Ägypten zu sein. Es ist eine Anarchie geworden! Es gibt keine echte Regierung und
die Polizeibeamten die früher ohne Zucken einen Bürger mitten auf der Straße eine
Ohrfeige wischten, ich habe es selbst erleben dürfen, laufen nun geduckt und
gebrochen. Gelegentlich sieht man mitten im Chaos einen wichtigen Polizisten, der
Papiere kontrolliert, aber was ist schon ein Tropfen in der Wüste? Die meisten
Beamten sind gebrochen, schließlich hat das Volk sie wortwörtlich besiegt. Die
Polizei in Ägypten die der Innbegriff der Staatswillkür, besser Mubarak-Willkür
war, die Polizeiakademie in die man nur mit Vitamin B gekommen ist, die
Polizeiwachen die in sich schon ein Kosmos von Judikative und Exekutive waren,
alle sind von dem Aufstand der Ägypter geflohen. Nun laufen sie geduckt und ziehen
den Schwanz ein, wie Straßenhunde die gejagt werden.
Das nicht alle Polizisten korrupt waren ist selbstverständlich. Doch es herrschte
eine polizeiliche Kultur der Gewalt und Selbstherrlichkeit, die selbst jeden
zurückhaltenden Beamten infizieren musste, um im Apparat zu überleben.
Vor ein paar Tagen als ich im koptischen Viertel war hat einer der Polizisten mich
zur Seite genommen und gefragt was ich denn arbeite. Dabei begann spazierte er zum
Hinterhof der Synagoge. Zwar konnte ich die anderen Menschen noch sehen, aber der
Typ war mir unheimlich. Ich antwortete ihm, dass ich Polizist wie er bin. Als er
fragte was ich denn in der Polizei mache, habe ich einfach gelogen. Ich sagte, dass
ich die Spezialeinheiten im Kampfsport ausbilde. Es hat sichtlich funktioniert, der
ägyptische Kollege ging ein Schritt zurück. Er begann dann zu klagen über den Adli,
den ehemaligen Minister. Wer damals nicht gemacht hat was ein Vorgesetzter sagt,
wäre selbst ins Gefängnis gekommen. Irgendwann hat man dann doch mitgemacht sagte
er. Ich hatte ihn nicht einmal gefragt! Es war wie eine Beichte. Dann zeigte er auf
einen Brunnen. Dies sei der Brunnen wo man glaubt, Moses im Korb gefunden zu haben.
Scheinbar war er nicht so gefährlich wie ich dachte. Vermutlich wollte er ein
Trinkgeld. Ich tat so, als würde ich dies nicht bemerken und spazierte dann wieder
mit ihm zurück.
Wieder einmal verliere ich den Faden! Moshira und ich fuhren also zurück. Unterwegs
kaufen wir ein Eis, welches in dieser Hitze schneller schmitzt als man es
überhaupt essen kann. Wir hielten wieder an, um ein paar Steine auf den schwarzen
Hügel zu suchen und kamen recht schnell an. Unterwegs hielten wir in Carrefour, ein
Kaufhalle die in einem Kaufzentrum liegt und auf einer Ebene größer als das HDW
ist, oder vielleicht drei oder viermal so groß wie REAL in Eberswalde.
Eigentlich wollte ich nur Mangos kaufen. Dann habe ich doch alle möglichen
Lebensmittel gekauft, die ich in Deutschland nicht finden kann. Die Hälfte musste
ich dann doch liegen lassen, weil ich im Gepäck Übergewicht hatte. Im Mall gab es
auch ein Stand mit "Naturprodukten", wobei ich an der Echtheit dieser Produkte
etwas zweifeln muss, wenn ein ätherisches Rosenöl lediglich 3,5 Euro kosten soll.
Es sei denn es ist mit einem natürlichen Maisöl gestreckt. Ich nahm es trotzdem.
In Ägypten gibt es eine Wurst die "Mumbar" heißt. Es ist ein Darm der mit Reis,
Hackfleisch und Gewürzen gefüllt ist. "Mumbar" ist etwas ganz leckeres und sieht
aus wie eine verbrannte wulstige Bratwurst, schmeckt nur 1000 mal besser. Am Tresen
konnte ich meine Augen nicht glauben. Ich schrie: "Mumbar, mein Gott". Der
Verkäufer war von meiner Begeisterung sichtlich angetan und bot mir gleich zwei
große Stück an. Ich nahm sein Angebot danken an und begann also am Tresen im
Supermarkt unbezahlt Mumbar zu essen. Zwar kann man in Deutschland auch eine
Kostprobe bekommen, aber gleich zwei ganze Bock oder Bratwürste. Ich kaufte gleich
eine riesige Portion.
Das Fotografieren ist in diesem Mall unverständlich verboten. Wer es verbietet und
warum steht nirgendwo, doch sagen die Security, dass das Fotografieren verboten
ist. Ein Glück gibt es Handys mit Kameras und so habe ich auch von diesem Mall mit
Marmor- und Granitboden ein paar Bilder. Wozu weiß ich nicht, aber ich wollte
schon immer mal wie meine Touristen damals, trotz Verbot, ein Bild machen.
Gegen 15:00 Uhr kommen wir zuhause an. Moshira will etwas ruhen, ich zwar auch,
aber ich bin dabei beschäftigt den Film von Moshira Projekt zu schneiden und für
Youtube vorzubereiten. Moshira hat mich noch nie um etwas gebeten und dies möchte
ich ihr echt machen. Es bereitet mir große Freude ihr diesen Gefallen zu tun.
Sowieso habe ich seit 30 Jahren noch nie so viel intensive Zeit mit Moshira
verbracht. Wie habe über Dinge gesprochen die über ein viertel Jahrhundert alt sind
und wie so oft, erst jetzt erkannt, dass auch wenn die Wahrheiten völlig
verschieden sind, dass beide wahr sind.
Irgendwann werde ich von meinen Freunden abgeholt. Wir fahren zum Cafe und lachen
über die alten Zeiten. Es ist als wären die Jahre nie gewesen. Es ist als würden
wir noch auf den Schulbus warten und die Steine vor uns mit den billigen Schuhen
stoßen. Wir sprechen von unseren Kindern und erzählen von unseren Partnern. Ich
erinnere mich, wie ich unterm Fenster von Karima Werbungslieder mit der Gitarre
gesungen habe, oder wie sie die Jungs in der Klasse alle im Stemmen besiegte. Eine
Stunde nach so vielen Jahren und wir lachen alle und machen Quatsch wie schon
immer. Ich erkenne die wahre und tiefe Freundschaft. Eine Freundschaft die nicht
fragt: "Warum hast du nicht... Wo warst du?" sondern sagt: "Wie geht es dir, ich
habe dich vermisst".
Es ist gut für mich diese Gruppe noch einmal zu sehen. Drei Freundinnen, die mir
viel Wert sind. Erst jetzt denke ich, dass ich Ägypten vielleicht doch noch besuche
bevor wieder 11 oder 12 Jahre vergehen. Um 22:30 Uhr müssen wir los, weil es sonst
zu spät wird.
Zuhause packe ich weiter. Ich habe zwei Koffer, in jeden darf ich nach der neuen
Regelung von Egypt-Air jeweils 23kg stopfen. Ich wiege Am Anfang der Wiegeprozedur
89,8kg auf Moshiras Wage, am Ende werden es nur noch 89,2kg sein. Ich weiß nicht
wie oft ich die Koffer an diesem haben getragen habe um mich damit auf die Wage zu
stellen. Ich sehe vor mir noch die Zahlen 120,5kg 118,2 oder 119,5 oder
oder... Das sind nach Abzug meines Gewichtes stets mehr als 23kg. Also muss ich ein
Mango von diesen Koffer in den anderen tun, oder doch in mein Gepäck. Die Steine
für Noah wiegen alle zuviel, also nur zwei Steine. Und die Kräuter für Alia und für
uns sind auch zu schwer, also alles halbieren. Hier und da, da und hier, bis ich
irgendwann auf der Wage mit dem einen Koffer 111,9 kg und mit dem Andren 110,4
wiege. Es ist schon 03:00 Uhr. Am nächsten Morgen will ich um 07:00 Uhr aufstehen,
damit wir um halb acht losfahren. Egal was ich mache, ich sehe die digitale Ziffern
der Waage vor meinen Augen. Also hol ich das Buch Chicago von Alaa Al-Aswani und
beginne es zu lesen. Irgendwann beginne erreiche ich die halluzinative Phase, dieser
wunderbare Moment zwischen Wachsein und Schlafen. Noch muss ich aufstehen und das
Licht abschalten.



