Mein lieber Gospelchor
Heute war es ganz schön mit euch zu singen. Ich wollte mich von jedem von euch einzeln verabschieden, doch dann habe ich es nicht getan. Am 22 Januar fliege ich mit gemischten Gefühlen nach Ägypten um am 25 Januar am ersten Jahrestag der ägyptischen Revolution dabei zu sein. Bei der Revolution selbst konnte ich nicht dabei sein. Ich bin zwar im Oktober nach Kairo geflogen und habe dort einen Kulturschock erlebt. Doch ich konnte nicht da sein, als ich es hätte sein müssen.
Doch es ist so, dies ist das Land wo ich aufgewachsen bin. Es ist das Land, wo ich zuerst studiert und gearbeitet habe. Aufgrund meiner ersten Arbeit, war das Land auch mein gesamter Lebensinhalt. Ich war froh nach Deutschland zu kommen, doch spätestens seitdem Sarrazin letztes Jahr von fast jedem im Lande gelobt worden ist wurde mir klar, dass die Heimat meiner Wahl mich bzw. uns nicht "mehrheitlich" gewählt hat.
Der Gospelchor mit all seinen schönen und weniger schönen Seiten ist mir eine zweite Familie geworden. Ich liebe jede Person in diesem Chor, auch wenn ich es nicht immer so zeige. Der Chor ist mir eine Entschädigung für Sarrazin und andere Idioten. Der Chor ist eine Entschädigung für die Hetzerbriefe die wir bekommen haben oder die physischen Angriffe auf meine Person, nur weil ich Hassan heiße. Mit euch zu singen, bedeutet, dass es noch gute Menschen gibt, dass unsere kleine Welt noch irgendwo in Ordnung ist.
Nun fliege ich also nach Ägypten, um einen Teil meiner Geschichte, meiner Selbst wieder zu finden und um an der Revolution, leider nachträglich, etwas teilzuhaben, auch wenn's diesmal nur 5 Tage sind.
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Als die Mauer in Deutschland fiel, sagte mir mein Großvater, das ist Weltgeschichte. Ich lächelte damals und dachte mir, wie egozentrisch kann man denn denken. Eine Mauer die keine 30 Jahre stand in einem Land, welches im Vergleich zu Ägypten, Indien oder China in der Geschichte nicht mehr als ein Hauch im Atem Menschheit ist. Eine Mauer die eine Generation gebaut wird und von der nächsten niedergerissen, dass ist doch ganz normal!
Die Mauer die in Ägypten gefallen ist, ist eine Mauer die niemand auf dieser Erde hätte jemals sich als heruntergerissen vorstellen können. Ägypter sind seit historisch belegten 5000 Jahren (und vermutlich schon davor, noch bevor sie schreiben konnten) stets untergeordnet gewesen. Es waren stets die Herrscher versus das gute Volk, welches stets Amen sagt und nie nach seinen Rechten fragte. Es ging soweit, dass die Griechischen Pharaonen (die Ptolemäer) Ägypten mit "mein Hinterhof" bezeichneten. Jeder kam ins Land und füllte seine eigenen Taschen und unterdrückte das Volk. Griechen, Römer, Marrokaner, Araber, Türken, Engländer, Franzosen, ja selbst die Sklaven machten sich zu Könige und beuteten das Land in Reich der Mameluken aus. Und der ägyptische Bauer war stets zufrieden.
Bei Mubarak war das nicht anders. Der Diktator war so fürchterlich, dass selbst seine Familie (außer seine Kinder) vom Land geflohen sind. Und doch hat das Volk, sowie dieser Mann mit seinem frevlerischen Lächeln vom gepanzerten Auto winkte, sich niedergeworfen und gejubelt: "Mit unserem Blut und unserer Seele opfern wir uns für dich oh Mubarak". Es war nicht die Liebe zu Mubarak, sondern die Tradition, dass der Herrscher ein halber Gott ist. Zum Teil ist auch diese Tradition daran schuld, dass die Herrscher durchdrehen und sich als unverfehlbar halten.
Nach also 5000 Jahren ist diese Mauer niedergerissen. Ein Volk was stets Amen sagte und sich mit den Krümeln zufriedengab sagte endlich: "Nein, genug!".
Die Bedeutung dessen kann man in Worte nicht zusammenfassen. Was ist da schon eine Mauer die keine drei Dekaden überlebt hat und die man niederreißen konnte im Vergleich zu eine Mauer in der Kultur, in dem Verstand und Selbstverständnis eines Volkes welche sich seit 3100 vor Christus als Ägypter bezeichnen.
Wenn wir heute auf die Uhr schauen, sprechen wir von 24 Stunden, es waren die 12 Stunden des Tages und die 12 Stunden der Nacht, des ägyptischen Sonnengotte Re. Wenn wir Amen sagen, sagen wir eigentlich "imen", dass bedeutet "nicht sehen", und so wurde auch der unsichtbare Gott "Amun" genannt. Mit Amen sagen wir, dass wir gehorchen ohne zu sehen. Wenn wir von 365 Tagen sprechen, so ist es die Zeitrechnung der alten Ägypter. Wenn wir ein A, ein N oder ein M schreiben, so sind diese nachweislich Umschreibungen ägyptischer Buchstaben, selbst das griechische "Alpha" ist nachweislich ein Zeichen, welches in altägyptisch "Kuh" bedeutet und als solches geschrieben worden ist. Als die Syrianer ägyptische Zeichen übernahmen, nahmen sie dieses Zeichen auch, doch Kuh heißt in Syrianisch "Alpha". Wenn wir uns als Griechen auf die großen Griechischen Philosophen berufen, so haben diese in Alexandrien studiert und als ihre Schriften von der Kirche verbannt worden ist waren es allerdings Araber, darunter viele Ägypter, die ihre Schriften in Andalusien retteten und für die Welt und heute für die Europäer überhaupt zugänglich machten. Es waren die alten Ägypter die die erste Weihnachtsgeschichte der Welt auf den Wänden des Hatchepsut Tempel wo der Gott Amun letztendlich in einer Himmelsfahrt der Hatchepsut in seinem Kind Gefallen findet. Und der Psalm 104 wurde von dem König Ekhnaten ein paar Hundert Jahre früher bereits für den Gott Aton geschrieben. Der Psalm ist mit seinem Gedicht fast deckungsgleich. Als erstes wurde ein ägyptischer Tempel als Basilika genannt, denn er war (Palast, Hof und Markt). Die Dreischiffigkeit der Bauten ist ein ägyptischer Standard seit 1800 vor Christus. Die Dreifaltigkeit fand als erstes ihre Ausdrucksform in der altägyptischen Mythologie. Alle Götter waren in Vater-Mutter-Sohn Konstellationen und da war der interessante Spruch aus der Rammessidenseit im 13 Jh. v. Chr.: "Gott ist einer, Ra wenn er im Himmel scheint, Amun wenn er verborgen ist und Ptah wenn er einen Leib annimmt." Dieser Ptah entspricht dem Jesus in der christlichen Theologie. Die ägyptische Mythologie ist mit der christlichen Theologie so stark ähnlich, dass die Jungfrau Maria mit Sohn stets mit Isis und Sohn verwechselt wurden. Horus wurde zu Jesus, Mal Hathor mal Isis zur Jungfrau Maria.
Was ich sagen will, die Welt ist ägyptischer als manch einer denken mag! Die Revolution in Ägypten ist daher zweifelsohne höchste Weltgeschichte und sollte, insbesondere den Westen, der 32 Jahre lang diesen Diktator mit Geld und Gefälligkeiten unterstützte interessieren!
Das ist unheimlich, mächtig und gewaltig. Und mächtige Ereignisse bringen mit sich mächtige Umwälzungen. Ich weiß nicht was am 25 Januar geschehen wird. Ob es friedlich sein wird, ob die Menschen aus Freude singen oder ihre Toten beklagen werden. Ich weiß aber, dass ich dabei sein werde, dass ich einen Teil dieser Geschichte in mir herumtrage, dass ich 8 Jahre lang Tag ein und Tag aus diese Kultur auf Nilkreuzfahrten erklärt habe, dass ich einige Jahre nach meiner Ankunft in Deutschland stets davon geträumt habe, meine Touristen in der Säulenhalle des Karnaktempels zu suchen.
Ich will aber auch zurück. Zurück zu meiner Corinne, Mariam, Noah und Tabea, zurück zu meinen Chor in dem ich mich zuhause fühle.
Bis bald
Marwan



