Home Marwan 22. Januar in Kairo

22. Januar in Kairo

Nun sitze ich hier vor einer elektrischen Heizung die in etwa wie ein Gesichtsbräuner aussieht und nach rechts und links schwankt wie ein Ventilator.

Gestern bin ich in Kairo angekommen. Die Reise war nicht besonders einfach. Corinne hatte den besten Anschluss von Eberswalde zum Flughafen über das Internet ermittelt. Und auf dem Weg nach Südkreuz versicherte ich mich beim Schaffner, ob das auch richtig sei. Er grübelte herum und meinte, dass es viel besser sei über den Hauptbahnhof den Shuttle-Zug zum Flughafen zu nehmen, der fährt alle 20 Minuten. Da der Schaffner mir ziemlich zugedröhnt vorkam, versicherte ich mich per SMS bei Corinne. Sie sagte, dass im Internet davon nichts stünde, also sagte ich dem Schaffner, dass meine Frau da anderer Meinung sei.  Der Schaffner sagte, dass wir im Hauptbahnhof anhalten werden und genug Zeit haben, dass er mir seine Route an der Gelben Tafel beweisen kann.  Als Witz sagte ich, dass er haften wird, falls ich meinen Flug verpasse.

Kaum waren wir im Hauptbahnhof zeigte er mir an der Tafel, dass der Zug um 11.45 Uhr von Gleis 12 direkt nach Schönefeld fährt.  Ich entschuldigte mich dafür, dass ich an sein Können zweifelte und bedankte mich.  Auf zu Gleis 12!

11:45 dann 11:50  Uhr, aber keine Spur von einem Shuttle. Auf der Tafel war auch kein Hinweis, dass der Zug behindert sei. Eine Frau stand da auch ganz unruhig mit dem Koffer. Wir waren da auch ganz alleine am Gleis, was für einen Shuttle-Service zum Flughafen ungewöhnlich ist. Da kam aber der Zug auf dem anderen Gleis, Gleis 14 und darauf stand Flughafen Schönefeld.

Wir rasten dahin mit den schweren Koffern und saßen im Zug.  Doch mich irritierte, dass an der Tafel etwas anderes stand. Ich schlug der gnädigen Frau vor, dass wir uns vor den Zug stellen und jemand fragen, bevor wir noch in Nürnberg unseren Flug suchen.

Also ließ die Frau den Koffer bei mir stehen und frage 10 Meter weiter zwei Personen im Deutsche-Bahn-Look.  Sie kam zurück und sagte, dass der Service dieses Wochenende wegen Bauarbeiten unterbrochen sei.

Toll!

Taxi? Ja!

Also nahmen wir gemeinsam eine Taxi 40 Euro plus Trinkgeld und ich kam noch rechtzeitig zum Flughafen. Ob ich nun diesen Schaffner wieder finde?

Im Flughafen stand eine Celebrity.  Abdul-Samad.  Ich hatte im Interview gehört, dass er ein Fremdenführer in Ägypten gewesen ist. Das war ich ja auch viele Jahre, doch kannte ich ihn nicht von dort.  Abdul-Samad ist ein freier Denker. Er vertritt die Meinung, dass der Islam nicht für die Moderne Lebensfähig ist.  Früher gab es islamische Großkulturen, weil der Islam damals funktional war, heute aber nicht.  Ich bin mit ihm nicht einer Meinung. Er erinnerte mich an einen Sobek, den ich an der Humboldt Uni kennenlernte.  Dieser Sobek hieß ursprünglich Sobki, wurde aber von den Studenten Sobek (Krokodilgott) genannt. Als ich 96 dort zwei Semester studierte sagte jeder mir: "Du musst unbedingt Sobek kennenlernen". Als ich ihn dann traf sprach er ein absolut gebrochenes Arabisch, motto: "Du kommen auch Kairo, oh toll, ich kommen auch dort".  Doch war sein gebrochenes Arabisch so perfekt, dass es künstlich war. Ich fragte ihn, wie lange er denn schon in Deutschland lebe. Dieser sagte "drei Jahren".  Ich konnte nur erwidern: "Kommst du aus Schubra (ein Viertel in Kairo mit vielen sozial Benachteiligten)". Er sagte: "Ja, du mich kennen". Ich sagte nein, aber ich kenne die Eigenschaft, dass Personen der unteren Schicht sich dadurch wichtiger machen indem sie so tun, als wären sie halbe Europäer.  Es gibt ein Genre von Ägyptern, die meinen, wenn sie ihre eigene Kultur leugnen, dass sie damit mehr Wert sind. In Ägypten spricht man von dem Fremdenkomplex. Anders als in Deutschland, haben Ausländer es in Ägypten immer besser gehabt. Sie wurden doppelt bezahlt als die Ägypter und stets als gebildete Personen geachtet.  Ich habe erlebt, dass niederländische Friseure ägyptische Ärzte herumkommandieren und diese es auch so hinnehmen, nur weil es Europäer sind. Als ich an der Uni arbeitete wurde ich doppelt soviel bezahlt wie ein Professor, nur weil ich Deutscher bin. Als wäre dies ein Garant für das Können.

Sobek war von der Wirtschaftsmacht und überlegenen Kultur Europas so überwältigt, dass er sich "europäisch" machen wollte indem er seine Zunge nun drehte und gebrochenes Arabisch sprach und dass in nur drei Jahren!  Ich habe Arabisch nicht als Kind gelernt, sondern erst Deutsch und Englisch und kann nach 12 Jahre Deutschland nach wie vor Arabisch noch besser als viele Ägypter sprechen!

Und was hat das mit Abdul-Samad zu tun?  Nun er hat seine Zunge nicht gebrochen. Er macht auch nicht einen auf  "ich bin Europäisch". Aber ich glaube ihn haben die sauberen Straßen, die Natur, der Fleiß etc der Europäer überwältigt. Und anstelle die Schwäche in der Armut zu suchen, meint er es sei der Islam und die islamische Kultur. Dies ist fürchterlich kurzsichtig aus mehreren Gründen. Man brauch nur nach Malaysia zu schauen mit einen der besten asiatischen Ökonomien oder die Vereinigten Arabischen Emirate oder Katar ein führendes Land in der Meinungsfreiheit heute in der Welt.  Die ganze Golfregion ist stark im Kommen und dies inklusiv einen Islam. Es gibt ja auch nicht die Islamische Welt, von der Abdul-Samad schreibt, eben so wenig wie es eine christliche Welt gibt.  Nun mag man denken: "Aber natürlich gibt es eine christliche Welt", aber das ist Unsinn.  Der Christ in Eberswalde hat ein völlig anderes christliches Weltbild als der peruanische oder Ugandische Christ.  In Bolivien wird in der christlichen Welt gesteinigt! In Nordirland ist der 30-Jährige Krieg noch lebendig!

"Der Untergang der islamischen Welt. Eine Prognose" von Abdul-Samad ist der Untergang einer Phase in einer geografischen Grenze und kulturellen Fessel aus seinen Erfahrungen.

Die islamischen Kulturen waren wie alle andere mal oben und mal unten.  Die Momentaufnahme Ägypten-Deutschland und kurzsichtiger als Kurzsichtig.

Interessant ist, dass Abdul-Samad seit seinem wie ein Kant des Islams gefeiert wird.  Das ist verständlich in einem Land wo 70% den Sarrazin feiern.  Da kommt einer aus den islamischen Kreisen und sagt, dass dort alles schief läuft und dass hier alles besser ist.

Das ist ähnlich wie die gefeierten Juden in der Arabischen Welt, die die Juden selbst kritisieren!

Abdul-Samad sagte mir dann, dass er gar kein Fremdenführer war, er arbeitete im Flughafen und hat mal hin und wieder den Reiseleiter gemacht und das zusammen gerade mal zwei Jahre.  Ich war froh ihn kennen zu lernen, denn ich schätze den Menschen sehr. Nicht wegen seiner Thesen, sondern wegen seines Muts seine Meinung die von unseren fanatischen Idioten gewiss nicht toleriert wird. Abdul-Samad habe ich als Person im Flughafen als ruhige und in gewisser Weise als sanftmütige Person kennengelernt.  Ich wünsche ihm weiterhin viel Mut und Kraft seine Meinung laut zu sagen, auch wenn ich diese kaum teilen kann. Ich wünsche mir mehr solche Menschen in der islamischen Welt!

Kurz vorm Einchecken sah ich durch die Korridore im Terminal jemand mir zuwinken.  Mein Schwager Georg!  Was für eine Überraschung. Er kam mit dem Flieger in den ich einsteigen soll, um meine Schwester zu besuchen!

Fast eine Stunde vor geplante Landung hieß es, dass wir gleich ankommen, weil wir Rückenwind hatten. Im Flughafen sprach mit jeder an: "Taxi Sir".  Ob ich nun zum völligen Europäer mutiert bin, wobei ich diesmal meinen Bart und meine Haare haben wachsen lassen und ziemlich ungepflegt aussehe!

Im Flughafen traf ich meine langjährige Freundin Mai. Doch keiner fragte sie: "Taxi Madame". Auf den Weg aus dem Flughafen, musste sie ihre Pass vorzeigen, ich wurde durchgewinkt. Mai sagt, weil du der Europäer bist! Und vor dem Flughafen kam wider eine Schar auf mich zu: "Taxi, Limousine".  Und endlich kam einer auf Mai zu, nachdem mich schon über 20 gefragt hatten.  "Ja! Hurra!  Endlich bist du nun die Europäerin!"
Mai drehte sich um und sagte: "Das ist der Fahrer meines Bruders du Idiot, der kennt mich."

Zuhause bei meiner Schwester gab es ein kleines Essen. Brotmischungen, Vollkornbrote und Schokolade auspacken und das wars schon.

Moshira hat mir das Bett vorbereitet. In Ägypten mit 6 Bettdecken!  Ich musste an Corinne denken, wo wir bei Minusgraden mit einer Decke und oft mit offenen Fenster schlafen.  Hier in Kairo bei 14 Grad mit 6 Decken?!  Es wäre hier kalt meint Moshira!

Gute Nacht.

SMS von Corinne. Noah ist krank, ihm ist die ganze Nacht übel.  Ich fühle mich etwas schuldig und hilflos. Wie kann ich meinen Jungen und meiner Frau helfen, wenn ich hier in Kairo unter den sechs Decken liege! Ich lese bis 02:30 (01:30 deutsche Zeit) in meinem Java Programmierungsbuch und schlafe dann doch irgendwann ein.
 

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