23-24 Januar in Kairo
Meine Tage sind voll bepackt mit Besuchen. Ich will jeden meiner alten Freunde in 4 Tage treffen, was natürlich unmöglich ist. Aber was soll's ich versuche es eben. Ich merke wie ich mich dieses Mal in Kairo besser zurecht finde. Zwar fahren die Menschen weiterhin wie die Irren und sprechen ein seltsames Arabisch was mit Anglizismen durchtränkter ist als jeder angeberischer Manager in Deutschland, doch irgendwie komme ich langsam damit klar. Mein Fokus gilt morgen den 25 Januar. Alles was ich nebenbei mache ist relativ, bis morgen kommt.
Gestern war ich mit Moshira ihre Freunde besuchen. Ich durfte staunen wieviel sie über mich und meine kleine Familie in Eberswalde wissen und scheinbar sind alle Fans von Tabeas Youtube Videos. Den ersten Freund von Moshira "Ahmad" trafen wir in einem Kaffee in der Straße 9. Es ist schon etwas eigenartig zuzuhören wie meine Schwester und dieser Ahmed darüber reden, dass sie unbedingt eine Benzinsäge kaufen wollen, um die umgefallenen Bäume in Kairo kleinzuschneiden für Brennholz 900 km weiter in der Wüste auf dem Sinai. Ich kann mir einfach nicht meine strohblonde Schwester mit einer Kettensäge in Kairo mitten im Rummel und Chaos vorstellen, wie sie da irgend welche Äste zerkleinert.
Zu meinem Trotz meinte dann ihre andere Freundin welche wir Abends besuchten, immerhin eine Mitarbeiterin in der UNO, dass dies eine ganz tolle Idee sei, da sie auch ständig riesige Äste durch die Straße schleppt.
Der Vormittag gestern war mein Albtraum. Moshira die nur friert meinte mütterlich ich müsste mich ganz warm anziehen. Ich hatte also eine lange Unterhose und Jeans, Unterhemd, Shirt, Pulli, Fließjacke und eine Jeansjacke an. Dazu noch den schweren Rucksack mit Schokolade bepackt für meine Besuche in der Gegend. keine 300 Meter war ich schon fix und fertig. Ich setzte mich vor eine Moschee und begann die Lagen abzulegen und diese irgenwie in meinen Rucksack zu stopfen. Kairo hat gerade 18 Grad! Und wie ich da sitze kommen Menschen auf mich zu und wollen gleich was kaufen, weil vor mir ein Karton mit Büchern und irgendwelchen Kram lag und der Händler nicht da war. Ich war geschmeichelt, dass man mich endlich nicht als Europäer erkennen wollte und mich sogar Arabisch fragte was das kosten soll, wobei ich sonst immer nur "Hallo Mister" zu hören bekomme.
Irgendwann schaffte ich es in die Slums, wo ich mich in ein Kaffee setzte und begeistert den Männern zuschaute. Sie saßen alle da vorm Fernseher und sahen die Wahl des Parlamentspräsidenten. Es ging im Parlament laut, bunt und lustig vor, wie es Ägypten noch nie zuvor gesehen hat. Und wo früher die Menschen saßen und vor Fußball jubelten, fingen sie an im Kaffee zu jubeln und zu klatschen, wenn ein Abgeordneter etwas äußerte. Ägypten hat eine neue Seele bekommen, die zuvor tausende von Jahren geschlafen hat. Einfach schön so etwas zu sehen.
Heute dagegen habe ich meinen Nachbarn von früher besucht, der nun mit Bart islamisiert ist und obwohl er noch sehr freundlich und lustig ist, das Händeschütteln von Frauen meidet. Seine Frau die mich liebevoll mit Essen und Getränken versorgt, darf ich allerdings auch nicht die Hand geben. Davor war ich kurz bei Sherin und ihre Mama. Eine alte Freundin aus der Schule die mich über Facebook gefunden hatte. Sherin war ein fester Bestandteil unserer Klicke, bevor sie nach Spanien reiste. Ich erinnere mich an die wunderbaren Toastbrote die ihre halbdeutsche Mutter machte. Sherin war immer verrückt und eine Energiebombe. Nun öffnete sie die Tür und ich war erst mal baff! Sie trug ein Kopftuch und ich wußte nicht was tun. Darf ich sie nach 25 Jahren umarmen oder gibt sie auch nicht die Hand. Glücklicherweise übernahm sie die Umarmung und zog mich rein, wo ihre 72 Jahre alte Mama saß und mich so fest umarmte als wären die Jahre nie vergangen.
Doch leider konnte ich auch dort nur kurz bleiben, da ich meine alte Kollegin aus der Helwan Uni treffen wollte. Mey ist nun Professorin für Ägyptologie und wir haben da ein kleines Projekt laufen, wo ich eine Schrift von Ihr ins Deutsche übersetzen und publizieren werde. Wie letztes Jahr im Oktober hat sie erst mal mich mit Fragen über Corinne, Noah, Mariam und Tabea durchbohrt, Fotos angeschaut und drei kleine Geschenke für die Kinder rausgeholt.
Nun sitze ich hier und mache mir Gedanken, wie es morgen aussehen wird. Morgen wird meine alte Gruppe Freunde zum Tahrir fahren mit mir. Leider hat die Schwester von Ramy einen Unfall in den Staaten, so dass er dorthin fahren musste. Medhat ist in Saudi Arabien und so verbleiben nur noch drei Freundinnen die mich begleiten. Ich komme mir vor wie Gaddafi mit seinen weiblichen Bodyguards!
Morgen wird ein friedlicher Tag, da bin ich mir ganz sicher, oder vielleicht wünsche ich es nur. Im Tahrir laufen schon die Vorbereitungen heute den ganzen Tag. Ich denke, dass die öffentliche Ausstrahlung des ersten demokratisch gewählten Parlaments in Ägypten seit über 5000 Jahren die Wut vieler erst einmal gedämmt hat. Jeder konnte sehen, dass im Lande sich was tut, was zuvor nie vorstellbar wäre. Auch wenn der Parlamentspräsident aus der Muslimbruderschaftspartei kommt, so ist dieser demokratisch gewählt worden und hat auf die Verfassung geschworen die nicht religiös ist. Und letztendlich herrscht in Deutschland auch eine Frau von der Partei mit dem C, warum also nicht in Ägypten ein Parlamentspräsident aus einer Partei mit einem I? Die Zeit wird zeigen ob sie dem Volk entgegenkommen oder nicht, denn dieses kann die 46% Sitze die sie bekommen haben in wenigen Jahren wieder abwählen.
Ich glaube ich bin nun endgültig zum Smarphonismus konvertiert. Letzten Oktober als ich hier war, hat Corinne jeden Morgen meinen Blog gelesen. Als ich einen Tag nicht geschrieben habe, kam der Tadel am nächsten morgen. Dieses Mal ist es nicht so, denn wir schreiben uns ständig über Viber und so habe ich auch weniger das Bedürfnis das Erlebte zu schreiben, da ich ständig es Corinne simse, oder in Facebook hochlade. Und doch finde ich es schön in unserer Website diese "wenigen" Worte zu schreiben.
Morgen werde ich solange ich im Tahrir bin, Bilder in Facebook hochladen, falls ihr interessiert seid.
Marwan
Gestern war ich mit Moshira ihre Freunde besuchen. Ich durfte staunen wieviel sie über mich und meine kleine Familie in Eberswalde wissen und scheinbar sind alle Fans von Tabeas Youtube Videos. Den ersten Freund von Moshira "Ahmad" trafen wir in einem Kaffee in der Straße 9. Es ist schon etwas eigenartig zuzuhören wie meine Schwester und dieser Ahmed darüber reden, dass sie unbedingt eine Benzinsäge kaufen wollen, um die umgefallenen Bäume in Kairo kleinzuschneiden für Brennholz 900 km weiter in der Wüste auf dem Sinai. Ich kann mir einfach nicht meine strohblonde Schwester mit einer Kettensäge in Kairo mitten im Rummel und Chaos vorstellen, wie sie da irgend welche Äste zerkleinert.
Zu meinem Trotz meinte dann ihre andere Freundin welche wir Abends besuchten, immerhin eine Mitarbeiterin in der UNO, dass dies eine ganz tolle Idee sei, da sie auch ständig riesige Äste durch die Straße schleppt.
Der Vormittag gestern war mein Albtraum. Moshira die nur friert meinte mütterlich ich müsste mich ganz warm anziehen. Ich hatte also eine lange Unterhose und Jeans, Unterhemd, Shirt, Pulli, Fließjacke und eine Jeansjacke an. Dazu noch den schweren Rucksack mit Schokolade bepackt für meine Besuche in der Gegend. keine 300 Meter war ich schon fix und fertig. Ich setzte mich vor eine Moschee und begann die Lagen abzulegen und diese irgenwie in meinen Rucksack zu stopfen. Kairo hat gerade 18 Grad! Und wie ich da sitze kommen Menschen auf mich zu und wollen gleich was kaufen, weil vor mir ein Karton mit Büchern und irgendwelchen Kram lag und der Händler nicht da war. Ich war geschmeichelt, dass man mich endlich nicht als Europäer erkennen wollte und mich sogar Arabisch fragte was das kosten soll, wobei ich sonst immer nur "Hallo Mister" zu hören bekomme.
Irgendwann schaffte ich es in die Slums, wo ich mich in ein Kaffee setzte und begeistert den Männern zuschaute. Sie saßen alle da vorm Fernseher und sahen die Wahl des Parlamentspräsidenten. Es ging im Parlament laut, bunt und lustig vor, wie es Ägypten noch nie zuvor gesehen hat. Und wo früher die Menschen saßen und vor Fußball jubelten, fingen sie an im Kaffee zu jubeln und zu klatschen, wenn ein Abgeordneter etwas äußerte. Ägypten hat eine neue Seele bekommen, die zuvor tausende von Jahren geschlafen hat. Einfach schön so etwas zu sehen.
Heute dagegen habe ich meinen Nachbarn von früher besucht, der nun mit Bart islamisiert ist und obwohl er noch sehr freundlich und lustig ist, das Händeschütteln von Frauen meidet. Seine Frau die mich liebevoll mit Essen und Getränken versorgt, darf ich allerdings auch nicht die Hand geben. Davor war ich kurz bei Sherin und ihre Mama. Eine alte Freundin aus der Schule die mich über Facebook gefunden hatte. Sherin war ein fester Bestandteil unserer Klicke, bevor sie nach Spanien reiste. Ich erinnere mich an die wunderbaren Toastbrote die ihre halbdeutsche Mutter machte. Sherin war immer verrückt und eine Energiebombe. Nun öffnete sie die Tür und ich war erst mal baff! Sie trug ein Kopftuch und ich wußte nicht was tun. Darf ich sie nach 25 Jahren umarmen oder gibt sie auch nicht die Hand. Glücklicherweise übernahm sie die Umarmung und zog mich rein, wo ihre 72 Jahre alte Mama saß und mich so fest umarmte als wären die Jahre nie vergangen.
Doch leider konnte ich auch dort nur kurz bleiben, da ich meine alte Kollegin aus der Helwan Uni treffen wollte. Mey ist nun Professorin für Ägyptologie und wir haben da ein kleines Projekt laufen, wo ich eine Schrift von Ihr ins Deutsche übersetzen und publizieren werde. Wie letztes Jahr im Oktober hat sie erst mal mich mit Fragen über Corinne, Noah, Mariam und Tabea durchbohrt, Fotos angeschaut und drei kleine Geschenke für die Kinder rausgeholt.
Nun sitze ich hier und mache mir Gedanken, wie es morgen aussehen wird. Morgen wird meine alte Gruppe Freunde zum Tahrir fahren mit mir. Leider hat die Schwester von Ramy einen Unfall in den Staaten, so dass er dorthin fahren musste. Medhat ist in Saudi Arabien und so verbleiben nur noch drei Freundinnen die mich begleiten. Ich komme mir vor wie Gaddafi mit seinen weiblichen Bodyguards!
Morgen wird ein friedlicher Tag, da bin ich mir ganz sicher, oder vielleicht wünsche ich es nur. Im Tahrir laufen schon die Vorbereitungen heute den ganzen Tag. Ich denke, dass die öffentliche Ausstrahlung des ersten demokratisch gewählten Parlaments in Ägypten seit über 5000 Jahren die Wut vieler erst einmal gedämmt hat. Jeder konnte sehen, dass im Lande sich was tut, was zuvor nie vorstellbar wäre. Auch wenn der Parlamentspräsident aus der Muslimbruderschaftspartei kommt, so ist dieser demokratisch gewählt worden und hat auf die Verfassung geschworen die nicht religiös ist. Und letztendlich herrscht in Deutschland auch eine Frau von der Partei mit dem C, warum also nicht in Ägypten ein Parlamentspräsident aus einer Partei mit einem I? Die Zeit wird zeigen ob sie dem Volk entgegenkommen oder nicht, denn dieses kann die 46% Sitze die sie bekommen haben in wenigen Jahren wieder abwählen.
Ich glaube ich bin nun endgültig zum Smarphonismus konvertiert. Letzten Oktober als ich hier war, hat Corinne jeden Morgen meinen Blog gelesen. Als ich einen Tag nicht geschrieben habe, kam der Tadel am nächsten morgen. Dieses Mal ist es nicht so, denn wir schreiben uns ständig über Viber und so habe ich auch weniger das Bedürfnis das Erlebte zu schreiben, da ich ständig es Corinne simse, oder in Facebook hochlade. Und doch finde ich es schön in unserer Website diese "wenigen" Worte zu schreiben.
Morgen werde ich solange ich im Tahrir bin, Bilder in Facebook hochladen, falls ihr interessiert seid.
Marwan



